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27.01.2010

Interview "Der DQR muss zu einem Raster werden, das alle Lernbereiche umfasst"

Interview mit Theo W. Länge zur Umsetzung des Deutschen Qualifikationsrahmens 

Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) tritt in die nächste Phase. Nachdem der Arbeitskreis DQR, ein Expertengremium aus Politik, Bildung und Sozialpartnern, Anfang 2009 einen ersten Entwurf vorgelegt hatte, läuft jetzt die Erprobung in der Praxis. Theo W. Länge, langjähriger Vorsitzender des Bundesausschuss Politische Bildung (bap) und Geschäftsführer des Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben, äußert sich im Interview zur Einordnung des non-formalen und informellen Lernens und zur Bedeutung des DQR für die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung.

Welche Bedeutung messen Sie dem Deutschen Qualifikationsrahmen insgesamt bei?

Länge: Bildung entscheidet heute mehr denn je über Inklusion und Exklusion. Wer keinen Abschluss hat, läuft Gefahr ausgegrenzt zu werden - sozial, wie beruflich. Der DQR, verstanden als Übersetzungsinstrument, das Wert und Bedeutung von Qualifikationen vergleichbar macht, wird also weitreichende Konsequenzen haben - für jeden von uns. Allerdings ist die Ausrichtung derzeit sehr stark nachweisorientiert, d.h. die Tendenz geht dahin, Abschlüsse den einzelnen Niveaustufen zuzuordnen. Einfach ausgedrückt heißt das: Wer einen Hauptschulabschluss hat, steht auf Niveaustufe 1, derjenige mit dem Professorentitel auf Niveaustufe 8. Wenn man bedenkt, dass rund 80.000 Menschen auf dem Arbeitsmarkt ohne Hauptschulabschluss sind, ist das mehr als bedenklich. Der DQR ist ein nationaler Referenzrahmen. Er darf aber nicht zum Raster werden, durch das Teile unserer Gesellschaft fallen.

Macht es sich der Arbeitskreis DQR zu einfach, indem er sich auf das formale Lernen konzentriert?

Länge: Das würde ich so nicht sagen. Mein Eindruck ist vielmehr, dass die Diskussion in den Bereich des non-formalen und informellen Lernens noch gar nicht richtig vorgedrungen ist. Ich glaube eher nicht, dass der Arbeitskreis es sich leisten kann und wird, in einer Zeit, in der Weiterbildung und lebenslanges Lernen groß geschrieben werden, das non-formale und informelle Lernen unberücksichtigt zu lassen. Denn die Bandbreite ist enorm. Unter non-formales Lernen fallen Volkshochschulkurse ebenso wie Weiterbildungsangebote, etwa von kirchlichen und gewerkschaftlichen Trägern oder Projekte von Jugendorganisationen. Ganz zu schweigen vom informellen Lernen, also dem Lernen, das sich quasi "ganz nebenbei", ungeplant oder in eigener Regie ergibt.

Wieso ist die Berücksichtigung von non-formalem Lernen so wichtig?

Länge: Vieles, was wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen, hat mit formalem Lernen nichts zu tun, muss sich aber in unserer Bildungsbiografie abbilden lassen. Zudem geht es darum, bei der Herstellung von Transparenz und Vergleichbarkeit ein besonderes Augenmerk auch auf die Förderung benachteiligter Menschen zu legen. Und gerade für diese Gruppe bietet nicht nur die Politische Bildung eine Fülle von Angeboten im non-formalen Bereich. Das reicht von Bildungsprojekten mit benachteiligten Migrantinnen und Migranten bis hin zu Theaterprojekten mit Jugendlichen ohne Schulabschluss. Darüber hinaus erfüllt die Politische Bildung einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag, indem sie zu Partizipation und Mitbestimmung ermutigt, der Grundlage und Basis für demokratische Entwicklung. All diese Leistungen müssen anerkannt werden.

Was heißt das für die politische Bildung?

Länge: Damit sind wir bei der Frage, was mit diesen Entwicklungen auf die außerschulische, die nicht-formale politische Bildung in Deutschland, zukommt. Gerade weil die Diskussion rund um den DQR in Deutschland vor allem zwischen den Sozialpartnern und den Vertretern der formalen Bildung - der KMK - geführt wurde, fühlten sich die Vertreter der außerschulischen politischen Bildung lange gar nicht betroffen. Ähnlich wie bei der Umstrukturierung hin zu einem einheitlichen europäischen Hochschulwesen unter den Zeichen des "Bologna-Prozesses" wartete man zunächst ab. Genau dieser Bologna-Prozess sollte uns jedoch eine Mahnung sein. Denn die Proteste gegen Bachelor und Master wurden erst laut, als der Prozess schon unumkehrbar war und nachdem die Studiengänge längst eingerichtet waren. Zu erinnern ist aber auch an die Diskussion um die Einführung von Qualitätsmanagementsystemen Anfang der 90er Jahre. Auch damals bestand im Bereich der politischen Bildung die irrige Annahme, dass diese Entwicklung die politische Bildung eher nicht betreffe.

Lässt sich die außerschulische politische Bildung überhaupt in einem DQR abbilden?

Länge: Zunächst ist festzuhalten, dass wir ja nicht bei null anfangen. Bereits heute erhalten Teilnehmende Zertifikate, in denen die Lerninhalte beschrieben werden. Es gibt also durchaus Schnittstellen bei der Beschreibung von Lernergebnissen. Hier nun hat die politische Bildung einiges zu bieten. Im Konzert der zwei Kompetenz-Bereiche des DQR - Fachkompetenz und Sozialkompetenz - kann die politische Bildung "mitspielen". Sie vermittelt Reflexions- und Urteilskompetenzen unter kategorialer Berücksichtigung etwa von Macht und Herrschaft, Utopiekompetenz in Beziehung auf die gedankliche Überschreitung der Verhältnisse, Kommunikationskompetenzen - sowohl rezeptiv wie aktiv - , Medienkompetenz, Aushandlungs- und Entscheidungskompetenzen in Bezugnahme auf Strukturen, Regeln des politische Lebens und Zusammenlebens. Sie fördert Teamverhalten, interkulturelle Kompetenzen und Konsensfähigkeit, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Solidarität- und Gerechtigkeitskompetenz. Sozial- und Selbstkompetenzen dieser Art sollen - als Ergänzung zu den Fachkompetenzen - auf jeder DQR-Stufe erfasst werden.

Was kann der bap zur weiteren Entwicklung beitragen?

Länge: In der Arbeitsgruppe Grundsatzfragen arbeitet der bap derzeit daran, den Kompetenzbegriff aus Sicht der Politischen Bildung zu bestimmen, mit spezifischen Inhalten zu füllen und somit unsere Angebote beschreibbar und auch vergleichbar zu machen.
Weiterhin führt der bap aktuell eine Studie zur Gewinnung und Nutzbarmachung von empirischen Erkenntnissen für die politische Bildungspraxis durch. Und drittens wird der Bundesausschuss demnächst daran gehen, die fachlichen und methodischen Kompetenzen, die ein politischer Bildner mitbringen muss, genauer zu fassen. Das alles wird helfen Leistungen der Profession in einem DQR abzubilden. Naturgemäß fällt die Einordnung schwerer, da nicht alle Nachweise "verbrieft" sind. Ich bin jedoch sicher, dass wir sehr verschiedene, dem jeweils unterschiedlichen Lernfeld angemessene Möglichkeiten der Validierung finden.

Wie geht es mit dem DQR insgesamt weiter?

Länge: Bis Ende 2010 sollen alle Bildungsgänge in Bezug zum DQR gesetzt werden. Spätestens 2012 soll es einen Nachweis geben, welchem EQR-Niveau sie jeweils zuzuordnen sind. Wir dürfen jetzt vor allem keine Zeit verlieren. Noch allerdings sind viele Fragen offen. Es gibt beispielsweise noch keine Antwort darauf, wer, was und wie zertifiziert bzw. zuordnet. Wichtig ist aus meiner Sicht abzubilden, was jemand kann und nicht, wo er oder sie es gelernt hat. Diese Grundphilosophie der "Outcomeorientierung", so wie sie im Europäischen Qualifikationsrahmen festgeschrieben ist, muss sich auch im DQR stärker als bisher widerspiegeln. Eine Beschränkung darauf, formale Abschlüsse statisch den Niveaustufen zuzuordnen, ohne die Frage von Übergängen und Durchlässigkeit zu klären, wäre kontraproduktiv.

Welches Fazit ziehen Sie aus Sicht der Politischen Bildung?

Länge: Ich sehe die Beschäftigung mit dem DQR, das Bemühen hier anschlussfähig zu werden und möglicherweise am Ende des Prozesses zu einer Nachweiskultur zu kommen als Herausforderung und Chance für die Profession: Wir werden eine völlig neue Professionsdebatte in der Erwachsenenbildung erleben, die durchaus streitig sein dürfte.

Hintergrund:

Im Oktober 2006 haben sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) auf die Entwicklung eines Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) verständigt. Grundlage ist die Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rates zur Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens, der nach mehrjährigen Diskussionen am 23. April 2008 in Kraft trat. Als nationale Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) soll der DQR die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems abbilden und zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen. Dabei soll die Teilnahme an lebenslangem Lernen für alle - besonders für benachteiligte Menschen - gefördert werden. Beauftragt mit der Steuerung ist eine gemeinsame "Bund-Länder-Koordinierungsgruppe Deutscher Qualifikationsrahmen". Zusammen mit Akteuren der allgemeinen Bildung, der Hochschulbildung und der beruflichen Bildung, den Sozialpartnern, Expertinnen und Experten bildet sie den "Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen" (AK DQR). Anfang 2009 hatte der AK DQR einen ersten Entwurf eines "Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen" vorgelegt. Kern ist die sogenannte "DQR-Matrix", die sich an den Vorgaben des EQR orientiert. Der DQR sieht dabei acht Niveaustufen vor und unterscheidet zwischen zwei Kompetenzkategorien, der "Fachkompetenz" und der "personalen Kompetenz". Die Fachkompetenz bildet die Bereiche "Wissen" und "Fertigkeiten" ab, die personale Kompetenz unterscheidet zwischen "Sozialkompetenz", also bspw. Team- und Führungsfähigkeit und "Selbstkompetenz". Hierzu zählen Attribute wie Selbstständigkeit, Verantwortung und Lernkompetenz. Ende Mai 2009 startete die zweite Erarbeitungsphase, in welcher der DQR-Entwurf in den vier Branchen Metall/ Elektro, Handel, Gesundheit und IT-Bereich auf seine Praxistauglichkeit hin erprobt wird.

Quelle: bap-Newsletter 1/2010 des Bundesausschusses Politische Bildung 

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