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01.06.2011

Neue Chance für Arbeitslose: Grenzerfahrung 

von Katrin Bischoff 

Berlin - Krosno Katharina Beicher teilt ihr Büro mit zwei weiteren Frauen. Sie hat einen eigenen Computer und ein eigenes Arbeitsgebiet. Die junge Frau aus Luckau (Dahme-Spreewald) sitzt an wichtiger Stelle, in der Personalabteilung.

Sie rechnet zusammen, was die Polsterer in der modernen Möbelfabrik geleistet haben, bearbeitet Bestellungen und organisiert die Transportabfertigung. Sie wird geschätzt in dem kleinen, 40 Mitarbeiter zählenden Familienunternehmen.

Eigentlich nichts ungewöhnliches. Doch die Firma "Polset", in der sie arbeitet, liegt jenseits der Grenze. 50 Kilometer östlich von Frankfurt (Oder) im polnischen Krosno Odrzanskie. Während polnische Arbeitskräfte mit Beginn der Arbeitnehmerfreizügigkeit Anfang Mai den Weg nach Deutschland suchten, hat Katharina Beicher die Gegenrichtung gewählt. Es war eine Chance für die arbeitslose Frau.

Katharina Beicher, die gerade 31 Jahre alt geworden ist, hat ihr Studium für Anglistik und Germanistik abgebrochen. Es fehlte an Geld, erzählt sie. Sie wohnte noch bei den Eltern und schrieb zahlreiche Bewerbungen. Sie verwies immer wieder auf ihre sehr guten Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch. Ohne Erfolg. "Manche haben gar nicht geantwortet, die meisten aber abgesagt", sagt sie. Irgendwann glaubte sie, überhaupt keine Arbeit mehr zu bekommen. "Das hat mich schon fertiggemacht."

Vier Wochen Polnisch-Unterricht

Dann aber bekam Katharina Beicher vom Jobcenter ein Angebot: Sie hatte die Chance, an einem ungewöhnlichen Projekt für junge Arbeitslose teilzunehmen. Es läuft seit eineinhalb Jahren und heißt IdA-Buddy, IdA steht für Integration durch Austausch. Damit sollen junge Frauen und Männer aus Brandenburg während eines Praktikums in Polen Erfahrungen in ihrem erlernten oder aber Wunsch-Beruf sammeln und so fit gemacht werden für den deutschen Arbeitsmarkt.

Es ist ein Kooperationsprogramm zwischen den Landkreisen Dahme-Spreewald, Oder-Spree, dem Jobcenter und der polnischen Woiwodschaft Wolsztyn. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie dem Europäischen Sozialfonds. Die Teilnehmer müssen 18 bis 30 Jahre alt sein und Arbeitslosengeld II beziehen.

Zunächst lernen die jungen Frauen und Männer vier Wochen lang in Brandenburg jeden Tag intensiv Polnisch. Dann werden sie für drei Monate in einen Betrieb nach Polen geschickt - zum Praktikum. Vier Tage in der Woche arbeiten sie dort, einen Tag bessern sie ihr Polnisch auf. Stets ist ein Ansprechpartner vor Ort, zu dem sie mit Problemen gehen können. "Das sind ganz unterschiedliche Fragen, die aufkommen", erzählt Projektleiterin Barbara Edelmann. Der eine verliebe sich, der andere wolle wissen, wie er ein Mädchen in einer Diskothek ansprechen könne.

Selbstvertrauen stärken

Heimweh? Das kommt gar nicht vor. "Nach 14 Tagen will niemand mehr weg aus Polen", erzählt Barbara Edelmann. Und die Sprache? "Deswegen hat noch keiner das Praktikum abgebrochen. Wenn ein Wort fehlt, dann macht man sich eben mit Händen und Füßen verständlich." Die jungen Leute, die häufig noch bei ihren Eltern leben, müssten sich in einem völlig fremden Umfeld beweisen. Das stärke ihr Selbstvertrauen.

"Wir hatten Tischler und Schweißer dabei, die lange arbeitslos waren, und die in Polen schon nach drei Wochen Praktikum ein Angebot für einen Job bekommen haben", erzählt Barbara Edelmann. Für diejenigen, die sonst nur Absagen kannten, sei das ein unglaubliches Gefühl.

29 arbeitslose Brandenburger sind derzeit zum Praktikum in Polen. 16 in Krosno. 13 in Wolsztyn. Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Unternehmen: in Bäckereien, in der Möbelfabrik, im Restaurant, in einer Klinik oder in einem Bestattungsunternehmen. Die Praktikanten wohnen im Hotel, in dem sie auch Frühstück und ein warmes Abendessen erhalten.

Verpflegung und Unterkunft wird aus IdA-Mitteln bezahlt. Ebenso wie die zehn Euro Mobilitätsgeld pro Tag, das die Projektteilnehmer zusätzlich zu Hartz IV erhalten. Nach ihrer Zeit in Polen durchlaufen die Frauen und Männer ein Bewerbungstraining, danach folgt ein Praktikum in einem deutschen Betrieb.

"Ich werde gebraucht"

"84 junge Leute aus Brandenburg, die teilweise schon lange arbeitslos waren, haben schon an unserem Projekt teilgenommen", erzählt Pressesprecher Radoslaw Gluba. Die Abbrecherquote habe unter 20 Prozent gelegen. "Immerhin konnten wir am Ende etwa 65 Prozent unserer Absolventen in einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz vermitteln", sagt Gluba. Und über 15 Prozent hätten ein Jobangebot von ihrem polnischen Praktikumsbetrieb erhalten.

Katharina Beicher hat eine Arbeit in Brandenburg in Aussicht, aber auch die polnische Möbelfabrik würde sie gerne übernehmen. "Gute Leute lässt man nicht gerne ziehen", sagt Katarzyna ¿uczak, die Marketingchefin des Unternehmens. "Katharina ist super. Sie ist sehr wissbegierig, pflichtbewusst und lernwillig. Sie wäre ein echter Gewinn."

Katharina Beicher sagt, sie wolle wieder nach Brandenburg zurück, ein Fernstudium machen und Fremdsprachenassistentin werden. Die Arbeit in Polen sei eine tolle Erfahrung. Sie habe sich schnell eingelebt in dem Betrieb. Auch die Sprache sei für sie kein Problem mehr. "Polnisch zu können ist doch ein Vorteil", erzählt sie. Und auf Vorurteile habe sie noch nie etwas gegeben.

"Die Leute hier haben mich offen aufgenommen, sie sind total freundlich." Aber das schönste sei, dass ihre Arbeit in Krosno geschätzt werde. "Ich werde gebraucht, und dieses Gefühl wieder zu spüren, ist einfach wundervoll."

Quelle: Berliner Zeitung vom 30. Mai 2011 (Link: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/arbeitslosigkeit-grenzerfahrung/345936.php


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