Navigationssystem für Geflüchtete

Datum
16.12.2019

Um in Deutschland ins Arbeitsleben einsteigen zu können, brauchen Geflüchtete ein umfassendes Wissen, wie man zum Beispiel an einen Sprachkurs kommt, wer Fragen zum Asylantrag und zur Arbeitserlaubnis beantwortet oder welche Integrationsmaßnahmen und Möglichkeiten der Weiterbildung es gibt. Aber wie findet man den richtigen Weg? Hier hilft das ESF-geförderte Projekt "BLEIB in Hessen II".

Händeringend suchen auf der einen Seite viele Betriebe in Deutschland nach qualifiziertem Personal. Auf der anderen Seite leben in Deutschland Geflüchtete, die entsprechend qualifiziert sind, aber nicht wissen, wie sie ins Arbeitsleben einsteigen können und wer ihnen bei den vielen Fragen auf dem Weg zu einer Arbeitsstelle hilft. Der Internationale Bund in Hanau (IB) ist eines von acht Beratungsbüros des Flüchtlingsberatungsnetzwerks "BLEIB in Hessen II", das über das ESF-Bundesprogramm Integrationsrichtlinie Bund gefördert und vom Mittelhessischen Bildungsverband e.V. (MBV) in Marburg koordiniert wird. "BLEIB in Hessen II" übernimmt hier eine Scharnierfunktion: Seit über 10 Jahren unterstützen die BLEIB-Berater*innen wie hier in Hanau Geflüchtete auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Jetzt werden auch Unternehmen zu aufenthaltsrechtlichen Fragen beraten.

Ein Beispiel, wie es im Alltag tatsächlich abläuft

Die Frage, wie man den richtigen Weg zum Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt findet, stellte sich auch der junge Mohamad Asif Mominyar aus Afghanistan. Er absolviert seit Juli 2018 beim Bauunternehmen Eugen Hofmann Hochbau Tiefbau Ingenieurbau GmbH in Frankfurt eine Ausbildung zum Maurer mit Zusatzqualifikation zum Techniker. Zuvor wurde er beraten durch Steffen Wenzel, BLEIB-Berater beim IB Hanau. In seinem Heimatland hatte Mominyar nach seinem Abitur ein Studium zum Bauingenieur angefangen und wusste nach seiner Flucht nicht, ob oder wie er daran anknüpfen kann. Der BLEIB-Berater sorgte zunächst dafür, dass er sein Abitur-Zeugnis anerkennen ließ, recherchierte mit ihm Möglichkeiten für ein Duales Studium und ließ ihn einen Mathematiktest für Studienplatzbewerber absolvieren. Nachdem klar wurde, dass ein Studium für ihn noch zu schwierig ist, stand er vor der Frage: Was nun?

Als erstes machte er ein Praktikum beim BauCamp, einem gemeinnützigen Anbieter von Bildungsmaßnahmen für die Bauwirtschaft beim Bildungswerk BAU Hessen-Thüringen e.V.. Hier wurde er unterstützt bei seiner weiteren Berufsplanung, um sein Ziel, sich über eine Ausbildung zum Maurer mit Zusatzqualifikation zum Techniker fortzubilden, zu erreichen. Steffen Wenzel unterstützte ihn bei der Ausbildungsplatzsuche, bis er bei Eugen Hofmann schließlich Erfolg hatte.

Thomas Steyer, Geschäftsführer des mittelständischen Familienbetriebes, ist nach dem ersten Ausbildungsjahr überaus zufrieden: "Wir suchen händeringend Leute und Asif Mominyar hat hier auf allen Ebenen überzeugt. Schon im Praktikum arbeitete er tagsüber und abends besuchte er einen Deutschkurs, das hat mir imponiert. Um Fahrzeit zu sparen, haben wir ihm angeboten, in einer unserer nahen Wohnungen zu wohnen. Außerdem bekommt er bei uns alle Hilfe, die er braucht, um die Ausbildung zu schaffen. Seit kurzem ist auch sein Asylverfahren positiv abgeschlossen. Wir wünschen uns alle, dass er auch nach seiner Ausbildung bei uns bleibt." Auch Mominyar ist glücklich: "Wenn in der Schule die Azubis von Problemen an der Arbeit sprechen, sage ich immer, dass es bei mir keine Probleme gibt, weil ich die beste Firma habe. Ich finde es ganz toll, viel draußen mit den Kränen und in Kontakt mit den Leuten zu arbeiten. Der Polier Steven Schramm hilft mir immer, wenn ich Fragen habe und gibt mir interessante Aufgaben."

Drei Männer auf einer Baustelle
Azubi Mohamad Asif Mominyar (vorne) hat gut lachen, er hat mit Unterstützung von BLEIB in Hessen II beim IB-Hanau den richtigen Weg in den Arbeitsmarkt gefunden. Hinten v.li.: Steffen Wenzel (BLEIB-Berater IB Hanau); Polier Steven Schramm bei Eugen Hofmann Hochbau Tiefbau Ingenieurbau GmbH. © Rasmus Wenzel

Vermittlungsquote 45%

Das ist ein konkretes Beispiel, wie geholfen werden kann und welche Chancen sich dadurch sowohl für die Geflüchteten als auch für die Unternehmen eröffnen. Seit März 2016 hat die BLEIB-Beratung des IB-Hanau 409 Ratsuchende beraten und davon 45 % in den Arbeitsmarkt und in weiterführende Qualifikationen vermitteln können, erklärt Peter Oppelt, Projektleiter beim IB-Hanau. "Als lokal verwurzeltes Bildungszentrum haben wir 20 Sprachkurse im Hause und sind daher nah an unserer Zielgruppe. Auch die durch unsere zeitweise Präsenz in der Hanauer Gemeinschaftsunterkunft am Sportsfield entstandenen Kontakte wirken immer noch nach."

Darüber hinaus werden Angebote von Arbeitsagentur und Jobcenter, von Initiativen und Förderprojekten eingebunden. BLEIB-Berater Steffen Wenzel sagt: "Die Ratsuchenden wissen meist sehr genau, was sie wollen und bringen viel Eigenmotivation mit. Wir Beratenden haben die Aufgabe, die individuellen Erwartungen auf eine realistische und machbare Bahn zu lenken und ihnen die notwendigen Schritte auf diesem Weg aufzuzeigen, wie ein Navigationssystem, das durch Verkehr und Vorschriften zum Ziel leitet. Dabei nutzen wir vorhandene Unterstützungs- und Qualifikationsprogramme. Was unsere Beratungsleistung ausmacht, ist, dass sie nicht nach der Vermittlung beispielsweise eines Sprachkurses oder einer Weiterbildung endet. Die Menschen können sich immer wieder an uns wenden, um zu schauen, was die nächsten Schritte auf dem Weg zu ihrem individuellen beruflichen Ziel sind".

Beratung für Unternehmen

Allerdings seien manche Unternehmen unsicher, Geflüchtete einzustellen, weil sie befürchten, dass diese ihre Ausbildung nicht abschließen können. "Viele Personalverantwortliche wissen zum Beispiel nicht, dass Auszubildende ohne abgeschlossenes Asylerfahren rein rechtlich nicht abgeschoben werden können. Auch bei negativem Ausgang des Asylverfahrens ist der Aufenthalt durch die sogenannte Ausbildungsduldung gesichert" erklärt Wenzel. Für Betriebe, die zu aufenthaltsrechtlichen Themen ihrer Mitarbeitenden Fragen haben, bietet "BLEIB in Hessen II" neuerdings eine Beratung für Unternehmen an, um Unsicherheiten abzubauen.

"BLEIB in Hessen II" hat von März 2016 bis April 2019 insgesamt 2.260 geflüchtete Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in sieben Landkreisen Hessens beraten. Das Netzwerk ist eines von 41 Netzwerken in Deutschland, das durch die "ESF-Integrationsrichtlinie Bund" im Handlungsschwerpunkt "Integration von Asylbewerber/innen und Flüchtlingen (IvAF)" aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und des Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Über IvAF wurden seit 2016 insgesamt in Deutschland knapp 50.000 Menschen beraten.

Koordiniert wird das Projekt vom Mittelhessischen Bildungsverband e.V. (MBV). Die Förderlaufzeit von "BLEIB in Hessen II" ist im Sommer verlängert worden bis Ende 2020. "Für die Zukunft suchen wir Wege, um unsere Beratungsarbeit als anerkannte, öffentliche Dienstleistung in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis zu verankern und noch enger mit öffentlichen Trägern zusammenzuarbeiten. Auch wollen wir im kommenden Jahr mehr auf Frauen mit Fluchthintergrund zugehen, da diese noch zu wenig in unsere Beratung finden", erklärt IB-Projektleiter Peter Oppelt.

Auszug aus dem ESF-Newsletter