Leben retten mit EPICSAVE: Angehende Notfallsanitäter*innen trainieren in der Virtuellen Realität

Datum
16.12.2019

Notfallsanitäter*innen sind fast immer die ersten professionellen Helfer*innen bei einem medizinischen Notfall. In solch einer Situation zählt jede Sekunde, muss jeder Handgriff sitzen. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, braucht gute Nerven - und eine gute Ausbildung. Digitale Medien bieten in diesem Zusammenhang ein enormes Potenzial, um Gefahrensituationen zu simulieren und Handlungsroutinen zu trainieren, wie das ESF-geförderte Projekt "EPICSAVE" eindrucksvoll zeigt.

Ein anspruchsvolles Berufsbild

Notfallsanitäter*innen werden in speziellen Berufsfachschulen ausgebildet und erlernen dort die Grundlagen für ihre zukünftige Arbeit. Hierzu gehören eine gute Wahrnehmung und routiniertes Handeln: Sie müssen bewerten, wie es der Patientin/dem Patienten geht, und was getan werden muss, um seinen Zustand zu verbessern. Auszubildende in diesem Beruf müssen nicht nur die medizinische Erstversorgung leisten, sondern sie müssen auch solche Situationen richtig einschätzen können, die im späteren beruflichen Alltag seltener auftreten. Diese stellen zugleich noch höhere Anforderungen an schnelles und richtiges Handeln, wenn sie für die Patient*innen potenziell lebensbedrohlich sind.

In der Ausbildung wird bisher oft mit Schauspieler*innen gearbeitet, um Wissen und Fähigkeiten unter möglichst realitätsnahen Bedingungen erproben zu können. Doch auch dieser Vorgehensweise sind Grenzen gesetzt. So können beispielsweise Notfälle mit Kindern auf diesem Wege nicht erlernt werden, da diese nicht als Schauspieler*innen eingesetzt werden dürfen.

Großes Potenzial digitaler Medien

Digitale Medien, insbesondere Simulationen und sogenannte Serious Games, bieten hier einen enormen Mehrwert. Mit ihnen ist es möglich, die im späteren beruflichen Alltag zu erwartenden Notfälle realistisch darzustellen und Handlungsabläufe einzuüben. Das Repertoire der simulierten Situationen kann umfassend angelegt werden und ermöglicht somit auch das Training für seltene, aber umso schwerwiegendere Fälle. Durch die Verwendung von Techniken der virtuellen Realität wird das Erleben der Lernenden, sich tatsächlich in der entsprechenden Situation zu befinden, zusätzlich gefördert. Im Fachjargon nennt man das "Präsenzerleben". Die Gestaltung des gesamten Lernangebots als Serious Game steigert schließlich die Motivation der Lernenden und führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten.

Frau mit 3D-Brile
© Alexandra Roth

Das Projekt "EPICSAVE"

Hier setzt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Projekt "EPICSAVE" - Enhanced Paramedic Vocational Training with Serious Games and Virtual Environments - an. Es hat zum Ziel, einen neuartigen Trainingsansatz für angehende Notfallsanitäter*innen zu entwickeln und zu erproben. Durch die Verwendung einer Simulation kombiniert mit Serious Game-Elementen werden Notfallszenarien erlebbar. Mit einer VR-Datenbrille taucht "die Spielerin/der Spieler" in eine virtuelle Umgebung ein: Man sieht zum Beispiel einen Badesee im Sommer, schaut nach links und entdeckt eine Parkbank mit einem Abfalleimer, über dem Bienen schwirren. Direkt am Wasser liegt ein Mann, mit Badehose bekleidet, die Haut seines Oberkörpers ist übersät mit roten Flecken. Dies ist eines der möglichen Szenarien, in der die Auszubildenden gefordert sind, die Situation schnell zu erfassen und die richtigen Schritte einzuleiten.

So können erste praktische Erfahrungen im Umgang mit Notfällen, auch solchen die nicht häufig vorkommen, gesammelt werden. Zentraler Aspekt dabei ist die Zusammenarbeit und Abstimmung zu zweit im Team. Auf diese Weise werden die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Auszubildenden gestärkt, denn Kommunikation ist ein entscheidender Faktor bei der Arbeit der Notfallsanitäter*innen. Es ist wichtig, souverän mit Patienten und Angehörigen sprechen, um sie zu beruhigen und über medizinische Vorgänge zu informieren. Auf diese Weise werden fachliche Kompetenzen geschult und das Ziel einer umfassenden beruflichen Handlungskompetenz in Gesundheitsfachberufen erreicht.

Zwei Auszubildende
© Alexandra Roth

Das Projekt "EPICSAVE" hat zunächst eine Analyse des Ist-Zustands der Ausbildung bei ausgewählten Ausbildungsträgern durchgeführt. Auf der Basis dieser Ergebnisse wurde ein Modell-Konzept entwickelt, welches in einen Prototyp für die praktische Erprobung mündet. Die Erprobung erfolgt zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten im Rahmen der Ausbildung. Auf dem YouTube-Kanal des Projekts wird "EPICSAVE" nun in einem ca. 5-minütigen Video vorgestellt.

Aber auch ohne VR-Ausrüstung kann man sich einen Eindruck verschaffen. Das Projekt hat eine App entwickelt, in der mehrere Patient*innen in Augmented Reality (AR) erlebt werden können. Ein mit Augmented Reality ausgestattetes Android-Telefon oder Android-Tablet reicht aus, um die Symptome und Merkmale in Augenschein nehmen zu können.

"EPICSAVE" wurde im Rahmen des Programms "Digitale Medien in der beruflichen Bildung (DIMEBB 2)" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Das Projekt zählte 2017 zu den 100 innovativen Preisträgern im Innovationswettbewerb "Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen". Gemäß dem Wettbewerbsmotto "Offen denken - Damit sich Neues entfalten kann" zeigt "EPICSAVE", wie durch Experimentierfreude, Neugier und Mut zum Umdenken zukunftsweisende Innovationen in der Ausbildung von Notfallsanitäter*innen entstehen können. Die Initiative "Deutschland - Land der Ideen" der Deutschen Bundesregierung und die Deutsche Bank richten den Wettbewerb seit zwölf Jahren gemeinsam aus. Schirmherr ist Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier.

Nachfolgeprojekt von "EPICSAVE" ist das Vorhaben "ViTAWiN". Aufbauend auf den Erfahrungen des Vorgängerprojektes wird hier ein zuvor nicht erreichtes Qualitätsniveau des virtuellen Simulationstrainings angestrebt: Durch den Einsatz der Virtual Reality-Technologie werden haptische Trainingspuppen um die realitätsnahe Darbietung von Symptomen ergänzt. Es entsteht eine kollaborative Lern- und Trainingsumgebung mit variantenreichen Szenarien, in der Notfallfachpflegekräfte und Rettungsfachpersonal im Team beispielsweise das Atemwegsmanagement oder wiederbelebende Maßnahmen trainieren können.

Kontakt:
Prof. Dr. Jonas Schild
jonas.schild@h-brs.de

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Projektwebsite von "EPISCAVE".

Das ESF-Programm "Digitale Medien in der beruflichen Bildung (DIMEBB 2)"

Ziel des Förderprogramms "Digitale Medien in der beruflichen Bildung" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ist es, die Potenziale für das Lehren und Lernen mittels digitaler Medien zu heben, hierdurch die berufliche Aus- und Weiterbildung zu stärken und letztlich attraktiver zu machen.

Weiterhin soll durch die Modernisierung von Lernangeboten die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer*innen verbessert werden. Hierzu hat das BMBF innerhalb des Programms verschiedene Fördermaßnahmen auf den Weg gebracht. Unterstützt werden Projekte, die branchenübergreifende, digitale Bildungsangebote erproben und einen großen Adressatenkreis in der beruflichen Bildung erreichen.

Weitere Informationen zum Programm finden Sie auf dem ESF-Webportal sowie auf der Programmwebsite.

Auszug aus dem ESF-Newsletter