Wieder in die Gänge kommen - ein Traum für viele Parkinsonerkrankte

Datum
16.12.2019

Morbus Parkinson - da denken die meisten als erstes an alte Menschen mit dem typischen Zittern, dem Tremor. Was viele jedoch nicht wissen, ist, unter welchen weiteren Einschränkungen Betroffene in ihrem Alltag leiden. Eines der größten Probleme für viele Parkinsonerkrankte sind Schwierigkeiten beim Gehen. Die im Rahmen eines "EXIST"-Projektes entwickelte smarte Einlegesohle Novapace will genau hier helfen, indem sie das Gangtraining im Alltag unterstützt.

Viele Parkinsonerkrankte können beim Gehen die Füße nicht richtig anheben und schlurfen eher über den Boden, während der Oberkörper nach vorn gebeugt ist. Dies führt zu häufigem Stolpern, Stürzen und dementsprechend auch Unsicherheit beim Gehen.

Was wird heute gegen diese Gangprobleme unternommen?

Vielfach wird den Betroffenen wegen ihrer Gangprobleme Physiotherapie verschrieben, in der ihnen Strategien zur Vermeidung des gefährlichen Gangs beigebracht werden. Das Problem liegt aber wie so oft in der Umsetzung im Alltag: Da das Gehen ein Automatismus ist, denken wir nicht ständig darüber nach. Und so verfallen auch die Parkinsonerkrankten häufig wieder zurück in alte Muster. Hier kann Novapace als Einlegesohle für Gangtraining im Alltag speziell Parkinsonpatienten helfen, sie trainieren quasi nebenbei.

Was leistet Novapace?

Das Besondere: Die Novapace-Einlegesohle ist mit Sensoren und Mikroelektronik ausgestattet, die beim Tragen den Gang der Person messen und auswerten. Dass dies sehr schnell passieren muss, ist logisch. Denn die Auswertung der Daten muss sofort an ein haptisches Feedback gekoppelt werden. Mit jedem Auftreten muss also unmittelbar ein Impuls in Form einer Vibration in der Sohle ausgelöst werden.

Logo Novapace
Schematische Darstellung der Sohle und der einzelnen Elemente der Novapace-Sohle (Sensorik, elektronische Bauteile und Vibrationsaktor für die Rückmeldung in Echtzeit) © novapace

Konkret heißt das, dass die Sohle auf diese Weise fehlerhaftes oder parkinsontypisches Gehen erkennt und direkt zurückmeldet. So wird die Konzentration der Person auf ihren Gang gelegt und die in der Therapie erlernten Strategien in Erinnerung gerufen. Mit der Folge, dass die Betroffenen in ihrem Alltag ständig motiviert werden, den gesunden Gang umzusetzen. Und zusätzlich werden sie zu mehr Bewegung animiert, was wiederum mittelfristig ihre Lebensqualität verbessert.

Die Einlegesohle wirkt aber nicht nur direkt beim Gehen. Mit Hilfe der ermittelten Gangdaten können Langzeitauswertungen realisiert werden, so dass die Träger der Einlegesohle selbst nachvollziehen können, welche Fortschritte sie machen. Auch die Ärzt*innen und Physiotherapeut*innen können durch die individuellen Daten ein besseres Verständnis über die Parkinsonerkrankung erlangen und ihren Verlauf besser nachvollziehen.

Wie kam es zur Umsetzung?

Die Idee zu Novapace stammt von Patrick Scholl, der die Parkinson-Erkrankung aus dem familiären Umfeld kennt und während seiner Masterarbeit an der TU Darmstadt den parkinsontypischen Gang mathematisch modellierte und so den wissenschaftlichen Grundstein für das Start-up legte. Schnell war mit Simon Staffa und Lukas Braisz ein Team aus Ingenieuren verschiedener Fachrichtungen gefunden, das sich im Frühjahr 2018 auf das "EXIST-Gründerstipendium" bewarb und dieses von September 2018 bis August 2019 erhielt. Die Ausgründung der Novapace GmbH erfolgte im Oktober 2019.

Team Novapace
Das Team v.l.n.r.: Patrick Scholl, Simon Staffa, Lukas Braisz © novapace

Das Team arbeitet in engem Austausch mit Parkinson-Selbsthilfegruppen, Neurolog*innen und Physiotherapeut*innen daran, ein für die betroffenen Patienten ideales Produkt zu entwickeln.

Langfristig erhofft sich das Gründerteam, nicht nur Parkinsonerkrankten helfen zu können, sondern auch andere Menschen mit Gangproblemen, wie z.B. Schlaganfallpatienten*innen in ihrer Rehabilitation, zu unterstützen.

Das ESF-Bundesprogramm "EXIST"

Ziel des ESF-Bundesprogramms "EXIST" ist es, das Gründungsklima an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu verbessern. Darüber hinaus sollen die Anzahl und der Erfolg technologieorientierter und wissensbasierter Unternehmensgründungen erhöht werden. "EXIST" umfasst drei Förderprogrammlinien:

  • Mit "EXIST-Forschungstransfer" werden herausragende forschungsbasierte Gründungsvorhaben, die mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind, gefördert.
  • Das "EXIST-Gründerstipendium" unterstützt die Vorbereitung innovativer Existenzgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen, insbesondere die Erstellung eines tragfähigen Businessplans und die Entwicklung marktfähiger Produkte und Dienstleistungen.
  • "EXIST-Gründungskultur" wird in Form eines Wettbewerbs "Die Gründerhochschule" durchgeführt. Ziel ist es, hochschulweite Gesamtstrategien zu entwickeln und diese umzusetzen, um eine Gründungskultur und mehr Unternehmergeist an Hochschulen zu etablieren. Im November 2018 ist mit der Richtlinie "EXIST-Potentiale" eine neue Wettbewerbsrunde in "EXIST-Gründungskultur" gestartet. "EXIST-Potentiale" wird ausschließlich vom Bund gefördert.

Weitere Informationen zum ESF-Förderprogramm "EXIST" finden Sie auf dem ESF-Webportal sowie auf der Programmwebsite des BMWi.

Auszug aus dem ESF-Newsletter