"BevOr - Begegnung vor Ort": gegen Vereinsamung von Senior*innen im ländlichen Raum der Mecklenburgischen Seenplatte

Datum
17.02.2022

Die Corona-Pandemie, einhergehend mit den Kontaktbeschränkungen, hat unseren Alltag gravierend verändert. Ihre Folgen können gerade für ältere Menschen, insbesondere für Alleinlebende, sehr belastend sein und zur Vereinsamung führen. Vor allem im ländlichen Raum ist das Risiko sozialer Isolation groß. Das ESF geförderte Projekt "BeVor - Begegnung vor Ort" unterstützt ältere Menschen im ländlichen Raum der Mecklenburgischen Seenplatte, miteinander in Kontakt zu kommen und zugleich Medienkompetenzen aufzubauen.

Die Altersstruktur des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern zeichnet sich dadurch aus, dass der Anteil älterer Menschen besonders groß ist. Mit einem Durchschnittsalter von 47,2 Jahren hatte Mecklenburg-Vorpommern 2019 zusammen mit Brandenburg die drittälteste Bevölkerung in Deutschland. Als flächenmäßig größter Landkreis der Bundesrepublik Deutschland hat die Mecklenburgische Seenplatte in der ländlichen Region um Woldegk mit 22 Einwohnenden pro km2 und Friedland mit 30 Einwohnenden pro km2 eine geringe Bevölkerungsdichte. Von den 1,6 Millionen Menschen waren 2015 in Mecklenburg-Vorpommern 371.098 Personen über 65 Jahre alt, was gemessen an der Gesamtbevölkerung einen Anteil von 23 Prozent ausmacht1.
Die Zahlen legen nahe, dass mit zunehmendem Alter und sinkender Mobilität gerade im nicht sehr dicht besiedelten Mecklenburg-Vorpommern eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich Kontakte von (in der Regel nicht mehr erwerbstätigen) Senior*innen deutlich verringern.

Ziel des Projekts "BeVor - Begegnung vor Ort" ist der gezielte Ausbau der offenen Seniorenarbeit mit niedrigschwelligen Unterstützungs-, Bildungs-, Beratungs-, Kommunikations- und Freizeitangeboten. Zentral sind dabei die Stärkung der regionalen Netzwerkarbeit und der Ausbau des freiwilligen Engagements.

In einer ersten Arbeitsphase konzentrierte sich das Projekt aufgrund der Eindämmungsmaßnahmen im Rahmen der Corona-Pandemie vorrangig auf die Arbeit mit verschiedenen Netzwerkpartnern (bspw. Kommunen und die Tafel). Das aktuelle Infektionsgeschehen und die Angst vor kriminellen Handlungen wie beispielsweise der "Enkeltrick" sorgten zunächst für große Zurückhaltung auf Seiten der Senior*innen. Aufgrund dieser schwierigen Voraussetzungen musste die Projektstartphase sensibel und gleichzeitig kreativ angegangen werden, um die bestehenden Bedarfe zu erörtern. So entstand auf der einen Seite die Idee, in Kooperation mit dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte eine Bürgerbefragung im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung für das Amt Friedland zu entwickeln und durchzuführen, diese auszuwerten und die Ergebnisse für die weitere Projektarbeit zu nutzen. Auf der anderen Seite wollte das Projekt dazu beitragen, das erschütterte subjektive Sicherheitsgefühl der älteren Menschen nachhaltig positiv zu verändern. Nach Berichten von merkwürdigen Telefonanrufen, Haustürgeschäften und Betrugsfällen entwickelten die Projektmitarbeitenden die Idee zu einer Präventionsveranstaltung für Senior*innen. In Kooperation mit einem ehemaligen Polizisten, der derzeit noch als Seniorensicherheitsbeauftragter tätig ist, führte das Projekt die Veranstaltung "Senioren auf Zack" zum Thema Prävention von Trickbetrug, "Enkeltrick" und anderen kriminellen Aktivitäten gegen Senior*innen durch. Ziel der Veranstaltung in Friedland, Mecklenburg-Vorpommern, war es, auf kriminelle Phänomene verschiedenster Art hinzuweisen, die Senior*innen aufzuklären und Verhaltenstipps zu geben, wie sie sich davor schützen können, selbst Opfer zu werden. Dabei kam auch der gegenseitige Austausch unter den Teilnehmenden nicht zu kurz. Die Teilnehmenden konstatierten, dass die Veranstaltung das Alltagserleben der Senior*innen aufgegriffen hat und informative Hilfestellungen anbieten konnte. Das Resümee fiel entsprechend sehr positiv aus.

Zwei Stellwände
Stellwände mit Ergebnissen vom Arbeitskreis "Senioren" im Oktober 2021. © Daniela Schmidtke, Projekt BevOr, Ausbildungsförderungszentrum Friedland e.V.

Im Zuge der Impfkampagnen und der Lockerungsmaßnahmen gestaltete sich der Zugang des Projekts zur Zielgruppe der Senior*innen ab 60 Lebensjahren dann einfacher und auch intensiver. Die Projektmitarbeitenden waren auf den Wochenmärkten in Friedland und Woldegk präsent, stellten dort das Projekt vor und informierten interessierte Bürger*innen über die Inhalte und Ziele. Es ergaben sich viele Gespräche mit älteren Menschen, die immer wieder auch ihren Unmut über die seniorenpolitische Lage bekundeten und angaben, selbst keine Chance zu sehen, etwas verändern zu können. Es gab dahingehende Äußerungen von Senior*innen, dass sie sich vergessen und nicht gesehen fühlten und dass Senior*innen betreffende politische Anliegen ihres Erachtens von der Politik vernachlässigt würden.

Als Reaktion auf diese Gespräche gründete das Projekt im August 2021 den "Arbeitskreis Senioren", der es sich zum Ziel gesetzt hat, soziale Teilhabe und Partizipation der Senior*innen im ländlichen Raum zu fördern. Der Arbeitskreis tagt regelmäßig und bringt unterschiedliche Akteure der Senior*innenarbeit an einen Tisch, um innovative Gedanken zu verfolgen. In zwei Workshops wurden zu den Themen "Digitalisierung" und "Bewegung für Ältere" viele Ideen entwickelt, die die weitere Projektarbeit mit Leben füllen. So wurde zum Thema "Digitalisierung" die Idee eines offenen Digitalcafés ins Auge gefasst. Bei dem Thema Bewegung für Ältere scheint ein offenes Angebot für unterschiedliche Aktivitäten angemessen zu sein. Von großer Bedeutung ist dabei auch der stetige und offene Austausch mit der Kommune. Die Ideen sollen nun Schritt für Schritt weiterentwickelt werden.

Ein weiterer Erfolg in der Projektumsetzung ist der neu geschaffene Seniorentreffpunkt in den Räumlichkeiten der Kirchengemeinde "St. Marien Friedland". Dort etablierte sich auch eine feste Spielegruppe. Zusätzlich zu dem Fahrangebot (Hol- und Bringservice) des Projektes entstanden selbständig organisierte Fahrgemeinschaften unter den Senior*innen, sodass die verschiedenen Projektangebote für alle erreichbar sind. Darüber hinaus arbeitet das Projekt aktuell daran, in Friedland eine generationsübergreifende Veranstaltung als festen Projektbestandteil einzurichten. Ein erster Schritt dahin war ein generationsübergreifendes Frühstück im Oktober 2021. Ein positiver Effekt dieser Veranstaltung war, dass sich junge und ältere Teilnehmende vernetzt haben und eine gegenseitige Nachbarschaftshilfe entstanden ist. So unterstützt seitdem beispielsweise eine Seniorin Schüler*innen im Rahmen von Hausaufgabenbetreuung und diese schneiden im Gegenzug ihre Hecke im Garten. Für ein Kinder-Halloweenfest schnitzten die älteren gemeinsam mit den jüngeren Teilnehmenden Kürbisse, backten Kürbiskuchen und tauschten Rezepte aus.

Mehrere Personen sitzen an Tischen
Gruppenfoto vom Seniorenspielevormittag im Riemannhaus in Friedland. © Daniela Schmidtke, Projekt BevOr, Ausbildungsförderungszentrum Friedland e.V.

Ende November 2021 startete das Projekt die Veranstaltungsreihe "Digitale Chancen für Senioren & Seniorinnen". In Zusammenarbeit mit der Stiftung "Digitale Chancen" und "Telefonica/O2." erhalten Ältere für den Zeitraum von acht bis zehn Wochen jeweils ein Tablet als Leihgerät, um sich an digitalen Medien auszuprobieren. Die Veranstaltungsreihe wird durch einen erfahrenen "Silver Surfer" (digital erfahrene ältere Person) unterstützt und angeleitet. Ziel ist es, weitere Personen zu gewinnen, die sich als "Silver Surfer" zu Multiplikator*innen ausbilden lassen, um gemeinsam mit dem Projekt "BevOr" Angebote speziell zur "Digitalisierung" für Senior*innen zu entwickeln.

Im Laufe der Projektarbeit zeigte sich, dass die Zielgruppe der Senior*innen ideenreich und sehr motiviert ist. Die Projektmitarbeitenden schätzen die Arbeit mit den älteren Menschen im Landkreis sehr und stimmen der Aussage eines Teilnehmenden auf dem letzten Treffen des "Arbeitskreises Senioren" zu: Wichtig ist, "etwas MIT den Senioren tun, nicht nur FÜR sie."

Das ESF-Programm "Stärkung der Teilhabe Älterer - Wege aus der Einsamkeit und sozialen Isolation im Alter"

Das Projekt "BeVor - Begegnung vor Ort" ist eines der 29 Modellprojekte des Programms "Stärkung der Teilhabe Älterer - Wege aus der Einsamkeit und sozialen Isolation im Alter", das von Oktober 2020 bis September 2022 aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wird. Es ist das erste mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützte Programm dieser Art und richtet sich vorrangig an ältere Beschäftigte ab 60 Jahre, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Ziel ist es nicht nur, sozialer Vereinsamung vorzubeugen, sondern auch die finanzielle Absicherung im Alter zu stärken und die Weichen für ein aktives und selbstbestimmtes Leben im Alter zu stellen. Die Projektträger erhalten Zuwendungen bei der Erprobung von Maßnahmen, die in Kooperation mit den örtlichen Arbeitsverwaltungen, den Kommunen und weiteren Partnern durchgeführt werden sollen.

Langfristiges Ziel ist unter anderem die Verbesserung der Einkommens- und Lebenssituation älterer Beschäftigter sowohl während der aktiven Berufstätigkeit als auch in der nachberuflichen Phase. Hierzu dienen Beratungsgespräche über Möglichkeiten der Inanspruchnahme von Leistungen zur Grundsicherung im Alter sowie Unterstützungsangebote bei der Aufnahme einer weiteren Erwerbstätigkeit in der nachberuflichen Phase.

Gleichzeitig soll mit dem Modellprogramm die Entwicklung nachhaltiger fachlicher Strukturen für die soziale Arbeit mit einsamen und/oder sozial isolierten älteren Menschen angestoßen werden. Dazu zählt der gezielte Ausbau der offenen Seniorenarbeit mit niedrigschwelligen Unterstützungs-, Bildungs-, Beratungs-, Kommunikations- und Freizeitangeboten. Zentral sind dabei die Stärkung der regionalen Netzwerkarbeit und der Ausbau des freiwilligen Engagements.

Weitere Informationen zum Programm finden Sie auch auf der ESF-Website.

1 Bericht: "Nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität von Senioren und Seniorinnen" Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung, April 2019 zurück

Auszug aus dem ESF-Newsletter