Von "rückenwind+" zu "rückenwind3": Fachkräftesicherung in der Sozialwirtschaft

Datum
31.03.2022

Erfahrungen und Ergebnisse aus den Projekten im ESF-Programm "rückenwind - Für die Beschäftigten und Unternehmen in der Sozialwirtschaft" (kurz: "rückenwind+") fasst eine frisch veröffentlichte Arbeitshilfe auf Grundlage von Online-Befragungen von Projektträgern zusammen. Ziel der zwischen 2018 und 2021 von der programmkoordinierenden ESF-Regiestelle durchgeführten Befragungsrunden war es, ein grundlegendes Feedback zu erfolgreichen Ansätzen in der Projektumsetzung zu erhalten. Diese flossen in die Entwicklung der neuen Förderrichtlinie "rückenwind3" für die ESF Plus-Förderperiode 2021 - 2027 ein.

Am 30.09.2022 endet das ESF-Partnerschaftsprogramm "rückenwind - Für die Beschäftigten und Unternehmen in der Sozialwirtschaft", das in enger Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. (BAGFW) entwickelt und umgesetzt wurde. Die ESF-Regiestelle in der Geschäftsstelle der BAGFW hat in den letzten Jahren das ESF-Programm "rückenwind+" koordiniert und rund 150 Förderprojekte in der Projektumsetzung begleitet. In der Projektberatung der "rückenwind+"-Projekte sowie in den von der Regiestelle organisierten Austauschformaten und Projektbesuchen wurde deutlich, dass die wertvollen Praxiserfahrungen in der Personal- und Organisationsentwicklung anderen "rückenwind+"-Projektträgern sowie weiteren Unternehmen der Freien Wohlfahrtspflege eine Orientierung für Veränderungsprozesse geben können. Zur systematischen Erfassung dieser Erfahrungen führte die ESF-Regiestelle in Kooperation mit dem externen Dienstleister SowiTra - Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer zwischen 2018 und 2021 eine Online-Befragung der Projektträger zum Abschluss ihrer Projekte durch. Die Umfrage erfolgte in insgesamt sechs Zyklen und diente dazu, ein Stimmungsbild zu erhalten, welche Themen, Tendenzen und Entwicklungen in der Programmumsetzung und -weiterentwicklung relevant und zukunftsfähig sind.

Die im Februar 2022 veröffentlichte Publikation "Erfahrungen und Ergebnisse im ESF-Programm "rückenwind+" - Arbeitshilfe auf Grundlage der Online-Befragung von "rückenwind+"-Projekten“ fasst nun erstmals in der Praxis erprobte Ansätze strukturiert zusammen und gibt zugleich ein zusammenfassendes Bild der Programmumsetzung.

Bild mit mehreren Wörtern zur Arbeitsmarktpolitik
Relevante Themen für die Freie Wohlfahrtspflege in der nächsten ESF-Förderperiode, Datenquelle: Online-Befragung "rückenwind+" (2018–2021) © BAGFW/ ESF-Regiestelle, Grafik erstellt in MAXQDA

Online-Abschlussbefragung der "rückenwind+"-Projekte

An der Abschlussbefragung beteiligten sich insgesamt 73 Projekte des 1. bis 4. Förderaufrufs im ESF-Programm "rückenwind+". Ihre Rückmeldungen sind die Grundlage für die Studie und die Arbeitshilfe. Weitere 38 noch bis ins Jahr 2022 laufende Projekte des 5. und 6. Förderaufrufs nahmen im Herbst 2021 an einer Zwischenbefragung zum aktuellen Stand ihrer Projektumsetzung teil, deren Ergebnisse ebenfalls in die Arbeitshilfe eingeflossen sind.

Die Auswertung der Online-Befragung umfasst einen quantitativen Teil, der auf fünf Themen fokussiert:

  • Projektanbindung, Schwerpunkte und Zielgruppen,
  • Ziele der Maßnahmen,
  • Instrumente, Strategien und Wissenstransfer,
  • Verstetigung und Wissenstransfer sowie
  • Zufriedenheit mit der Umsetzung des Programms.

Darüber hinaus erhielten die Befragten die Möglichkeit, ihre Herangehensweisen in Freitextfeldern eingehend zu schildern und ihre Einschätzungen hinsichtlich der Passgenauigkeit der erprobten Ansätze mitzuteilen. Diese individuellen Rückmeldungen wurden in dem Kapitel "Praxiserfahrungen: Ansätze und Themen" zusammengefasst. Hierbei handelte es sich etwa um Erfahrungswerte aus dem 2017 neu in das ESF-Programm aufgenommenen Themenschwerpunkt "Arbeit 4.0 & Digitalisierung", um sinnvolle Instrumente in der Umsetzung der ESF-Querschnittsziele sowie um Erfahrungen aus der Projektumsetzung in der Covid-19-Pandemie.

Erfahrungswerte und zentrale Themen

Wesentliche Erkenntnisse der Befragung sind:

  • Passgenaue und individuelle Ansätze unterstützen Unternehmen und Organisationen der gemeinnützigen Sozialwirtschaft dabei, sinnvoll auf aktuelle und unternehmensspezifische Bedingungen zu reagieren.
  • Dabei erweist sich in der Prozessgestaltung die Einbeziehung von Führungskräften bei gleichzeitiger transparenter Einbindung der Beschäftigten als notwendig.
  • Als besonders geeignete Instrumente und Strategien für Organisationsentwicklung werden vor allem Arbeitsgruppen und Netzwerke bzw. hierarchie-, arbeitsfeld- oder bereichsübergreifende Zusammenarbeit beschrieben.
  • Generationsübergreifendes Arbeiten hat einen hohen Stellenwert in "rückenwind+"-Projekten.
  • "Förderung von Vielfalt" ist schon längst kein Schlagwort mehr, sondern wird mit praxistauglichen Ansätzen umgesetzt. So spiegeln sich in den Rückmeldungen sehr gute Erfahrungen mit heterogen besetzten Teams und Arbeitsgruppen wider. Diese unterstützen nach Ansicht der Befragten den Kulturwandel hin zu mehr Beteiligung von Beschäftigten und befördern Innovationskraft, Wissenstransfer und Veränderungsbereitschaft.

Ebenfalls ein zentrales Ergebnis ist, dass die bessere Ausnutzung digitaler Chancen ein zunehmendes Gewicht in der Organisationsentwicklung der befragten Unternehmen erhält. Deutlich wird in der Online-Befragung, dass seit dem Sonderaufruf zum Themenschwerpunkt "Arbeit 4.0 & Digitalisierung" (4. Förderaufruf) in den darauf folgenden Förderrunden (5. und 6. Aufruf) das Thema von fast allen Projektträgern ebenfalls adressiert wird - also ein inhaltlicher Bezug hergestellt wird, selbst wenn der Handlungsschwerpunkt des jeweiligen Projekts nicht im Digitalisierungsbereich liegt. Für die meisten Projekte ist der Themenschwerpunkt sogar prioritär in der Projektumsetzung. Zudem wird er vielfach benannt, wenn die Projektträger nach ihrer Einschätzung hinsichtlich relevanter Themen für die nächste ESF-Förderperiode gefragt werden.

Als weitere Schwerpunkte für die nächste ESF-Förderperiode verweisen die befragten Projektträger unter anderem auf Gesundheitsförderung, generationenfördernde Zusammenarbeit, Diversität, Kooperationen und Netzwerke. Analog zum ESF-Programm "rückenwind+" bleiben aus Sicht der Träger "Personal- und Organisationsentwicklung" und "Fachkräftesicherung" weiterhin zentrale Themen.

Digitale Chancen mit dem Menschen im Mittelpunkt

Die "rückenwind+"-Projektträger verdeutlichen in ihren Rückmeldungen, dass sie die Thematik "Arbeit 4.0 & Digitalisierung" inhaltlich aufgegriffen sehen wollen. Bei Digitalisierungsmaßnahmen sollte aus Sicht der Befragten der Mensch im Mittelpunkt stehen. Digitale Tools werden zur Kommunikation, zur Zusammenarbeit sowie zum Lernen oder Wissenstransfer eingesetzt. Arbeit 4.0 umfasst darüber hinaus auch Konzepte wie "Agiles Arbeiten" oder "Selbstorganisation". Projektträger sehen die Möglichkeiten von "Arbeit 4.0 & Digitalisierung" somit als sinnvolle Instrumente, z.B. zur Flexibilisierung von Arbeitsstrukturen und -prozessen und damit als Möglichkeit zur besseren Umsetzbarkeit lebensphasenorientierter Ansätze, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Schaffung von Weiterbildungsmöglichkeiten für diverse Zielgruppen. Hier besteht eine enge Verknüpfung mit den ESF-Querschnittzielen "Gleichstellung der Geschlechter" und "Anti-Diskriminierung", aber auch "Ökologische Nachhaltigkeit" der ESF-Förderperiode 2014-2020.

Nutzung der Ergebnisse

Die Zwischenergebnisse aus den einzelnen Abfragezyklen seit 2018 sind laufend für die "rückenwind+"-Programmumsetzung genutzt worden, z.B. für die Gestaltung von Fachworkshops, Vernetzungstreffen oder Tagungen. Darüber hinaus sind die Ergebnisse nicht allein für die Arbeit im ESF-Programm "rückenwind+" interessant, sondern liefern ebenfalls Hinweise für andere Arbeitszusammenhänge innerhalb der Freien Wohlfahrtspflege - insbesondere mit Blick auf das Entwicklungsfeld "Arbeit 4.0 & Digitalisierung". So können Faktoren für das Gelingen von Veränderungsprozessen abgeleitet werden, die für Unternehmen der Sozialwirtschaft nutzbar sind, selbst wenn sie kein eigenes ESF-Projekt umsetzen.

Die Zwischenergebnisse aus den Befragungsrunden flossen darüber hinaus in die Entwicklung des geplanten ESF Plus-Nachfolgeprogramms "rückenwind3 für Vielfalt, Wandel und Zukunftsfähigkeit in der Sozialwirtschaft" (kurz: "rückenwind3") ein. Bei dem Thema Fachkräftesicherung in sozialen Berufsfeldern wird der Fokus auf den Herausforderungendes demografischen und digitalen Wandels liegen. Handlungsansatz des neuen ESF-Programms wird die Anpassung von Organisationsstrukturen und Unternehmenskulturen in Organisationen und Unternehmen der gemeinnützigen Sozialwirtschaft sein, in Verbindung mit der Schaffung von Möglichkeiten flexibler und zielgruppenspezifischer Angebote zur Kompetenzanpassung für Beschäftigte.

Autorinnen: Bettina Wegner, ESF-Regiestelle in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. und Jana Klawitter, Referat Digitalisierung in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V.

Das ESF-Programm "rückenwind+ - Für die Beschäftigten und Unternehmen in der Sozialwirtschaft" (kurz: "rückenwind+")

Das ESF-Programm "rückenwind+" ist ein im Jahr 2015 gestartetes Förderprogramm zur Fachkräftesicherung in sozialen Berufsfeldern. Ansatzpunkt ist die Personal- und Organisationsentwicklung in Unternehmen und Verbänden der gemeinnützigen Sozialwirtschaft. Ziel der Förderung ist die Verbesserung der Anpassungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Beschäftigten in der Sozialwirtschaft in Verbindung mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Organisationsstrukturen in den Einrichtungen, Diensten und Verbänden. Das Förderprogramm wurde gemeinsam vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und der BAGFW entwickelt. Gefördert wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und aus Bundesmitteln.

Weitere Informationen zum Programm "rückenwind+" finden Sie auf dem ESF-Webportal, auf der Programmwebsite.

Kontakt: regiestelle@bag-wohlfahrt.de; @bagfw_esf | #esf_rückenwind; YouTube-Kanal des ESF-Programms

Auszug aus dem ESF-Newsletter