Regionale Entwicklung und nachhaltige Verstetigung - das rückenwind+ -Verbundprojekt "Sozialwirtschaft im digitalen Wandel"

Datum
15.06.2021

Wie die ESF-Förderung über die eigentliche Förderzeit hinauswirken kann, zeigt das "rückenwind+" -Verbundprojekt "Sozialwirtschaft im digitalen Wandel". Kurz vor dem Projektabschluss sind schon jetzt die nachhaltigen Effekte sichtbar: Die neu eingeführten digitalen Plattformen inklusive verbundener Arbeitsprozesse, Organisationsstrukturen und Lernkulturen befinden sich in der Verstetigung. Die im Projekt aufgebauten Vernetzungen werden für neue Projekte zur Regionalentwicklung und für digitales Lernen in sozialen Berufsfeldern genutzt.

"Arbeit 4.0 & Digitalisierung"

"Arbeit 4.0 & Digitalisierung" - so lautete das Thema des Sonderaufrufs im ESF-Programm "rückenwind+", in dessen Rahmen 2018 auch das Projekt "Sozialwirtschaft im digitalen Wandel - Ein Verbundprojekt zur Schaffung optimaler (digitaler) Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen" gestartet ist. Umgesetzt wurde das Verbundprojekt durch den AWO Kreisverband Lausitz e.V. und die AWO SPI Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft mbH - in Kooperation mit dem AWO Kreisverband Oberlausitz e.V. und dem AWO Bezirksverband Potsdam e.V.

In zwei Teilprojekten entwickelten die Verbundpartner u.a. in den Bereichen der Altenpflege, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe neue Ansätze zur Nutzung digitaler Möglichkeiten für die Personal- und Organisationsentwicklung. Dabei bauten sie tragfähige regionale sowie überregionale Vernetzungen und Kooperationen auf. Das zeigt bereits einige Erfolge.

Bedarfsgerecht auf das Pflegepersonal zugeschnitten: die digitale Pflegedokumentation

Bereits im Sommer 2019 konnte sich Staatssekretär Dr. Rolf Schmachtenberg (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) ein Bild von den Projektarbeiten machen, als er die AWO Lausitz in Hoyerswerda besuchte (s. Artikel im ESF-Newsletter September 2019). Hier erhielt er einen Eindruck von den ersten Erfahrungen mit der Einführung einer digitalen Pflegedokumentation.

"Seitdem ist viel passiert", sagt Marcus Beier, Projektleiter bis 2020 und nun Geschäftsführer des AWO Kreisverband Lausitz e.V. "Unsere digitale Bewohnerakte mit dem Titel "P&D Sozial", ist nun seit Frühjahr 2020 im Einsatz und wird vom Pflegepersonal der AWO Lausitz ausschließlich genutzt - eine parallele Akte in Papierform gibt es nicht mehr." Die Entwicklung der digitalen Akte erfolgte gemeinsam mit dem Pflegemanagement, den Pflegeleitungen und dem "rückenwind+"-Projektteam der AWO Lausitz in Kooperation mit einer Softwarefirma.

Den Praxisbedarfen entsprechend wurde die Softwarelösung auf das Pflegepersonal zugeschnitten. Inzwischen werden nicht nur Papier und Akten gespart, sondern vor allem wird Zeit gewonnen - für die wesentlichen Aufgaben in der Pflege. Das Pflegepersonal wurde von Anfang an "mitgenommen" und in die Umsetzung des Projekts einbezogen. "Das war nicht immer leicht, aber wir haben im "rückenwind+"-Projektteam auf Kommunikation und Transparenz gesetzt - sowohl nach innen als auch nach außen", blickt Yves Tschentscher, examinierter Altenpfleger und seit 2018 Projektmitarbeiter im "rückenwind+"-Projekt, zurück.

Eine Frau am PC
Bei der Arbeit mit der digitalen Patient*innenakte (Nicole Deckwart, stellv. Pflegedienstleiterin) © Björn Fünfstück/AWO Kreisverband Lausitz e. V.

Die tatsächliche Umstellung "auf digital" erfolgte dann an einem Tag. Dazu gehörte auch, dass die Printakten aus den Dienstzimmern entfernt wurden. "Das haben wir aber gut geplant und sorgfältig vorbereitet. In Workshops zu Grundlagen der Softwarenutzung wurden alle unsere Mitarbeitenden im Bereich Pflege und Betreuung angesprochen und mitgenommen. Des Weiteren haben wir mit unserer Softwarefirma ein Konzept für die Schulung von Endanwender*innen zur Nutzung der digitalen Bewohnerakte erstellt und auch darin Workshops für unsere Pflegekräfte durchgeführt. Wir standen den Mitarbeitenden in der ersten Zeit durchgängig für Rückfragen zur Verfügung und haben in kürzester Zeit Nachschulungen organisiert."

Medikamentenpläne, Grundpflegenachweise oder Wunddokumentationen können jetzt schnell, einfach und digital sowie direkt nach den jeweiligen Arbeitsschritten erfasst werden. Die Mitarbeitenden sind nach über einem Jahr Arbeit zufrieden mit der anwendungsfreundlichen, intuitiven und nach den gültigen Qualitätsstandards angepassten digitalen Patientenakte.

Barrierefreier Zugang zu Informationen und optimierte Prozesse: das Dokumentenmanagementsystem

Der zweite Bereich des Teilprojekts 1 verfolgte die Digitalisierung von Unternehmensprozessen zur Optimierung von Arbeitsabläufen und der Kommunikation im Unternehmen. Hintergrund waren die zeitaufwendigen analogen Dokumentationspflichten sowie der aufgrund dezentraler Strukturen oft ineffiziente Informationstransfer. Das Dokumentenmanagementsystem (DMS) ist ebenfalls 2020 in den laufenden Betrieb übergegangen und wird nun kontinuierlich erweitert, zum Beispiel um ein Bewerbungsmanagementsystem.

"Am meisten hat uns das "rückenwind+"-Projekt darin unterstützt, dass wir mit Hilfe der Dokumentationsplattform eine solide Grundlage für verbesserte Transparenz, einheitliche Informationsflüsse, einen barrierefreien Zugang zu Informationen und stetige Prozessoptimierung gelegt haben", betont Projektmitarbeiterin Diana Franka Schmidt. Und weiter resümiert sie: "Das neu aufgebaute System hilft unseren Mitarbeitenden ungemein, aber die Akzeptanz eines neuen Systems seitens der Kolleg*innen stellte auch eine Herausforderung dar." Die oftmals nachvollziehbaren Befürchtungen der Mitarbeitenden konnten jedoch durch gute Arbeit im Projekt und Weiterbildung minimiert werden. Mittlerweile zählt der elektronische Rechnungsworkflow zum Tagesgeschäft in allen Einrichtungen der AWO Oberlausitz (Kindertagesstätten, Altenhilfe, Eingliederungshilfe & Wohnen und Kinder, Jugend & Familie sowie Service & Logistik).

Im Rahmen der ESF-Förderung wurde die Grundlage für eine künftige stetige Erweiterung der DMS-Nutzung geschaffen. So könnten beispielsweise das Vertragsmanagement, die Personalakte sowie eine erweiterte Dokumentenablage digitalisiert werden. Mobiles, zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten soll immer mehr ermöglicht und ein modernes Arbeitsumfeld geschaffen werden. Diana Franka Schmidt fasst zusammen: "Wir stellen uns den Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 und gestalten die Zukunft - auch die der Region Oberlausitz - mit."

Zugang zu Fort- und Weiterbildung auch in ländlichen Regionen: die digitale Lernplattform und E-Learning-Konzepte

Konzepte für E-Learning und der Aufbau einer digitalen Lernumgebung standen im Zentrum des Teilprojekts 2 des Verbundes. Hier arbeiteten die AWO SPI - Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft GmbH und der AWO Bezirksverband Potsdam zusammen. Eines der Teilprojektziele war es, den Zugang zu Fort- und Weiterbildungen auch in ländlichen Regionen zu ermöglichen. Weiterhin sollte individuelles, zeitversetztes Lernen bei einheitlichen Lernzielen gefördert und dabei Kosten und Ressourcen gespart werden.

Auf der inzwischen in Betrieb genommenen digitalen Lernplattform werden Inhalte aus den Bereichen Pflege und Betreuung sowie der Kinder- und Jugendhilfe bereitgestellt, die die Mitarbeitenden rege nutzen. "Diese flexible Möglichkeit des Lernens berücksichtigt die Work-Life-Balance der Beschäftigten. Gerade in der zurückliegenden Zeit mit wenigen bis fast keinen Bildungsveranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie sehen wir die großen Vorteile vom E-Learning", hebt Projektmitarbeiter Gary Tidwell hervor.

Ein weiterer Baustein des Projekts ist die Befähigung der Mitarbeitenden, um selbst Weiter- und Fortbildungen für die Kolleg*innen anzubieten. Hierfür wurde ein "Train the Trainer"-Programm entwickelt, an dem ca. 40 Mitarbeitende teilgenommen haben. Ihre neuen Kompetenzen konnten sie bereits in der Praxis zum Einsatz bringen.

Das Teilprojekt setzt auf Vernetzung sowie Transfer und ermöglicht sowohl anderen Akteur*innen in der AWO als auch über die Verbandsgrenzen hinaus den Zugang zur E-Learning-Plattform und den Lernmodulen.

Wie geht es weiter - mit und auch ohne ESF-Förderung?

Die Förderung des Verbundprojekts "Sozialwirtschaft im digitalen Wandel" endete im Mai 2021, die Aktivitäten gehen aber weiter. So läuft in der AWO Lausitz seit Sommer 2020 ein neues "rückenwind+"-Projekt mit dem Titel "Kommunikation mit Herz - das geht auch digital (KommHerz)". Mit Hilfe eines digitalen Bewerbungsmanagements sollen hier optimale Arbeitsabläufe in der Personalabteilung entwickelt und auf dieser Basis schnelle und fundierte Entscheidungen zur Gewinnung von Fachkräften getroffen werden. Zudem will die AWO Lausitz zur Fachkräftegewinnung und -bindung ihre Präsenz in sozialen Netzwerken erhöhen und es wird ein Intranet aufgebaut.

Als weiteres wesentliches Element wurde kürzlich eine Zukunftswerkstatt gegründet. Dieses Format ermöglicht den Beschäftigten aller Einrichtungen und Berufsgruppen mitzuwirken in der Entscheidungsfindung und mitzugestalten bei der Weiterentwicklung der AWO Lausitz als Unternehmen und als attraktiver Arbeitgeber. Projektleiter Björn Fünfstück: "Mit diesen Maßnahmen wollen wir u.a. digitale Prozesse so gestalten, dass sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Beschäftigten unterstützen und dadurch einen positiven Effekt auf die Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden haben."

Personen sehen auf eine Leinwand
Teilnehmende der Zukunftswerkstatt © Björn Fünfstück/AWO Kreisverband Lausitz e. V.

Auch im AWO Bezirksverband Potsdam e.V. läuft bereits ein weiteres "rückenwind+"-Projekt. Seit 2019 widmet sich "SoziADigital - Beschäftigte in der Sozialen Arbeit durch die Digitale Transformation stärken, weiterentwickeln, entlasten" der weiteren Verstetigung der zuvor aufgebauten E-Learning-Plattform und dem Ausbau der Qualifizierungsangebote. Projektleiter Stefan Hoffmann zu den Vorteilen: "Wir setzen auf eine bereits vorhandene Plattform auf. So konnten wir mit Beginn der Corona-Pandemie die Qualifizierungen der Mitarbeitenden kurzfristig auf Online-Lernangebote umstellen", wie bereits im ESF-Newsletter August 2020 berichtet wurde. Erfreut fügt Projektleiter Hoffmann hinzu: "Unsere frisch qualifizierten Digitallots*innen nutzen diese Plattform ebenfalls für ihre Funktion als Multiplikator*innen."

Die ESF-Förderung hat allen Projektpartnern zu einem deutlichen Entwicklungsschub verholfen und sie haben Grundlagen in ihren Einrichtungen geschaffen, um weitere Projekte und Kooperationen voranzubringen.

Die nächsten Schritte, die auf die erfolgreiche "rückenwind+"-Projektförderung aufsetzen, beschreibt Marcus Beier, Geschäftsführer des AWO Kreisverband Lausitz e.V., wie folgt: "Bei uns stehen Verstetigung und Regionalentwicklung noch stärker im Fokus. Durch die ESF-geförderten Projekte war und ist es uns möglich, unsere Kompetenz immer weiter auszubauen und sowohl kleinere als auch sehr große Projekte zu entwickeln. Momentan arbeiten wir beispielsweise am Konzept "ZukunfTAlter - Zukunftstechnologien für gelingendes Alter(n) im ländlichen Raum - ein Bündnis in und für die Oberlausitz"." Für die Antragsphase des "Real-Labors Oberlausitz" - einer realitätsnahen Innovationsumgebung - in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden erhält die AWO Lausitz derzeit eine Finanzierung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Die Entscheidung, ob das Projekt für weitere sechs Jahre gefördert wird, fällt im Sommer 2021.

Das Verbundprojekt "Sozialwirtschaft im digitalen Wandel" hat sich in der "rückenwind+"-Online-Reihe "Türen öffnen für digitalen Wandel" zum Abschluss des 4. Förderaufrufs im November 2020 präsentiert. Einblick in erste Erfahrungen gewährt das "rückenwind+"-Projekt "SoziADigital" des AWO Bezirksverband Potsdam e.V. im Juni 2021 im Rahmen der "rückenwind+"-Online-Werkstattgespräche "Türen öffnen für sozialen Wandel in der digitalisierten Arbeitswelt".

Das ESF-Programm "rückenwind - Für die Beschäftigten und Unternehmen in der Sozialwirtschaft" (kurz: "rückenwind+")

Das ESF-Programm "rückenwind - Für die Beschäftigten und Unternehmen in der Sozialwirtschaft" (kurz: "rückenwind+") ist ein im Jahr 2015 gestartetes Förderprogramm zur Fachkräftesicherung in sozialen Berufsfeldern. Ansatzpunkt ist die Personal- und Organisationsentwicklung in Unternehmen und Verbänden der gemeinnützigen Sozialwirtschaft. Ziel der Förderung ist die Verbesserung der Anpassungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Beschäftigten in der Sozialwirtschaft in Verbindung mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Organisationsstrukturen in den Einrichtungen, Diensten und Verbänden. Das Förderprogramm wurde gemeinsam vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege entwickelt. Gefördert wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und aus Bundesmitteln.

Bis 2020 wurden ca. 25.700 Beschäftigte und 1.620 Unternehmen beraten.

Weitere Informationen zum Programm "rückenwind+" finden Sie auf dem ESF-Webportal, auf der Programmwebsite sowie auf Twitter.

Kontakt:
regiestelle@bag-wohlfahrt.de

Auszug aus dem ESF-Newsletter