Interview zur Zukunft des ESF:
"Der ESF kommt bei den Menschen an und wird wahrgenommen."
- Datum
- 30.01.2026
Andreas Bartels ist zuständiger Referent für den Europäischen Sozialfonds (ESF) bei der Diakonie Deutschland. Er vertritt die Interessen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) im Begleitausschuss des ESF Plus. Hier erläutert er, warum und wie sich die Sozialverbände zur Zukunft des ESF einbringen müssen.
In der Europäischen Kommission, im Europäischen Parlament und in den EU-Mitgliedsstaaten wird derzeit über den sogenannten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU 2028-2034 verhandelt. Er ist das wesentliche Instrument der Haushaltsplanung, das die politischen Prioritäten der EU widerspiegelt. Der MFR betrifft auch die Zukunft von Fonds, die für die Finanzierung von Projekten der Sozialverbände große Bedeutung haben, allen voran den ESF.
Herr Bartels, die Sozialverbände haben jahrzehntelange Erfahrung mit dem ESF, seinen Programmen und ESF-geförderten Projekten. Sollte der ESF aus dieser Sicht als eigenständiger Fonds erhalten bleiben und wenn ja, worin sehen Sie generell dessen Mehrwert?
Bartels: Unbedingt. Die BAGFW sieht den Mehrwert des ESF in seiner Fähigkeit, Innovationen anzuregen und spezifische Themen und Zielgruppen zu adressieren, die bisher nicht Teil der Regelförderung in Deutschland sind.
Der ESF unterstützt besonders benachteiligte Gruppen wie ältere Menschen, Wohnungslose, Geringqualifizierte und Migrant*innen, aber auch Unternehmen und ihre Beschäftigten bei der Kompetenzerweiterung zur Sicherstellung der eigenen Arbeitsfähigkeit. Er fördert Projekte, die soziale Teilhabe und arbeitsmarktbezogene Kompetenzen stärken. Solche Projekte sind essenziell, für die Armutsbekämpfung und für den Erhalt der Anpassungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Menschen. Der ESF trägt konkret dazu bei, die digitale und grüne Transformation und den demografischen Wandel sozial auszugestalten.
Haben Sie dafür konkrete Beispiele?
Bartels: Ein konkretes Best-Practice-Beispiel ist das Programm "EhAP Plus" (Eingliederung hilft gegen Ausgrenzung der am stärksten benachteiligten Personen). Dieses Programm wendet sich an Binnenmigrant*innen der EU und wohnungslose Menschen und bietet eine mehrsprachige Beratung und Begleitung zur sozialen Teilhabe an. Es bereitet benachteiligte Personen auf den deutschen Arbeitsmarkt vor.
Ein Projekt, das in Dortmund über EhAP Plus gefördert wird, ist zum Beispiel "HALT". Es ist Teil des Dortmunder Projektverbundes "Willkommen Europa". Der Projektverbund ist ein Zusammenschluss verschiedener Träger und Projekte insbesondere für neu zugewanderte EU-Bürger*innen, die in Dortmund leben und Orientierung, Unterstützung, Beratung und Begleitung brauchen. Der Verbund befindet sich aktuell in einer nachhaltigen Phase, das heißt über die Projektförderung hinaus wollen Jobcenter, die Agentur für Arbeit, die Stadt Dortmund und die ESF-Projektträger Regelangebote für Migrant*innen ohne Leistungsbezug oder Leistungsanspruch erproben. Wir sehen seit Jahren in unserer Umgebung immer mehr wohnungslose Menschen. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, brauchen wir passende Hilfsangebote. Und mit dem ESF ist das - noch - möglich.
Angesichts der aktuellen Diskussion zur Finanzierung und Zukunft des ESF nach 2027: Wo sehen Sie die Chancen und Risiken zur Zukunft des ESF?
Bartels: Als Initiator oder Träger von ESF-Projekten wissen wir, wie der ESF vor Ort umgesetzt werden kann. Wir können mit dem ESF und durch die Einbindung verschiedener Partner innovative Ansätze verfolgen, die auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen des Arbeitsmarktes reagieren können, wie zum Beispiel die Fachkräftesicherung, den demografischen Wandel und die digitale sowie grüne Transformation.
Ein weiterer Vorteil des ESF ist sein dezentraler Ansatz: Die Anpassung an lokale Bedürfnisse und die Einbindung vieler Akteure führen zu maßgeschneiderten Lösungen und einer effektiveren Umsetzung von ESF-geförderten Projekten. Der ESF kommt so direkt bei den Menschen vor Ort an und wird von diesen auch wahrgenommen. Beides - innovative Projektideen und ein dezentraler Ansatz - sind der Markenkern des ESF. Und darin sehen wir die Chance für einen wirkungsvollen und zukunftsfähigen ESF.
Und welche Risiken sehen Sie bei den aktuellen Plänen der EU-Kommission?
Bartels: Sie beinhalten das Risiko, dass die Marke 'ESF' verblasst, weil diese in dem Multifonds "Nationale und Regionale Partnerschaftspläne (NRPP)" aufgehen soll. Zudem befürchten wir finanzielle Einbußen und eine ungute Konkurrenz der verschiedenen EU-Fonds um weniger Mittel. Die EU-Pläne sehen zum Beispiel einen leistungsbasierten Auszahlungsmechanismus vor. Ein solcher Mechanismus könnte zu "Creaming-Out"-Effekten führen, bei denen sich Programme und Projekte auf einfach zu erreichende Zielgruppen konzentrieren, um die Finanzierung nicht zu gefährden. Dies könnte den innovativen Charakter des ESF negativ beeinflussen.
Zudem könnten die aktuell geplanten Kofinanzierungssätze von 40 Prozent für stark entwickelte Regionen und 60 Prozent für die Übergangsregionen die Umsetzung des ESF zusätzlich gefährden, da sie für Projektträger finanziell überfordernd sein können. Schon jetzt sind insbesondere gemeinnützige Projektträger nicht mehr in der Lage, die notwendigen Eigenmittel in ein Vorhaben einzubringen.
Die BAGFW bringt sich aktiv (seit 2024) in die Diskussion zu den Plänen der EU-Kommission ein. Unter anderem hat sie Ende 2025 "Rote Linien" veröffentlicht. Was wünschen Sie sich für einen künftigen ESF?
Bartels: Wir wünschen uns vor allem die Vereinfachung der Verwaltungsprozesse: Durch Bürokratieabbau, stärkere Digitalisierung und die Nutzung von Pauschalen sollten die Prozesse effizienter gestaltet werden. Auch eine stabile finanzielle Ausstattung des ESF ist unabdingbar.
Die Projekte selbst brauchen höhere Fördersätze und Unterstützung bei der ESF-Antragstellung. Wenn die Antragstellung zu kompliziert und aufwendig ist, bewerben sich Projekte nicht, obwohl sie eine qualitativ hochwertige Projektarbeit leisten könnten.
Für wirkungsvolle und nachhaltige ESF-Programme muss das Partnerschaftsprinzip fortgesetzt und gestärkt werden - auch zum Aufbau von Kapazitäten der Partner. Organisationen und Verbände der Zivilgesellschaft und auch Vertreter*innen der Zielgruppen der Fonds sollten unbedingt umfassend und auf Augenhöhe in die Programmgestaltung, -umsetzung und -evaluierung einbezogen werden.
Und der ESF sollte sich thematisch weiterhin auf die Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte (ESSR) und die Erreichung der drei Kernziele - also die Erhöhung der Beschäftigungs- und Weiterbildungsquote und die Verringerung der Armutsrate - sowie die Fortschreibung des Aktionsplans zur Umsetzung der ESSR konzentrieren.
Unser Ziel ist weiterhin, dass der ESF den Menschen vor Ort zugutekommt und deshalb das Finanzierungsinstrument für ein soziales Europa bleibt. Denn wir brauchen mehr denn je eine soziale Politik und Angebote für die Menschen in der EU.