Interview zur Zukunft des ESF:
"Der ESF muss vor Ort wirken"

Datum
13.10.2026

Miriam Schulze ist beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für Kohäsionspolitik und den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) zuständig. Im Interview erklärt sie, warum der ESF auch in Zukunft verlässlich finanziert werden muss, seine Umsetzung regionale Lösungen vor Ort braucht, wie er zur Fachkräftesicherung in kleinen und mittleren Unternehmen beiträgt und warum er in berufliche Bildung und soziale Teilhabe investieren muss.

Frau Schulze, Sie vertreten das Handwerk des ESF auf Bundesebene. Worin sehen Sie den Mehrwert des ESF für das Handwerk und dessen Betriebe?

Schulze: Für uns ist der ESF nicht nur ein Fördertopf, sondern ein zentrales Instrument für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), um Fachkräfte im Handwerk zu sichern und zu gewinnen, Weiterbildungen zu finanzieren und betriebliche Strukturen vor Ort zu stärken. Diese Aufgaben können gerade KMU nicht immer allein stemmen. Der ESF finanziert vor Ort passgenaue Maßnahmen für KMU und ihre Beschäftigten. Davon profitieren die Beschäftigten und Betriebe - aber vor allem auch ganze Regionen. Wenn dort Menschen mithilfe des ESF eine berufliche Perspektive bekommen und Betriebe erleben, dass sie beim Wandel nicht allein gelassen werden, wird die Europäische Union als hilfreich wahrgenommen. Das kann auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Demokratie stärken - beides brauchen wir mehr denn je.

Seit die Europäische Kommission ihre Pläne für den zukünftigen EU-Haushalt präsentiert hat, wird auch über die Zukunft des ESF debattiert. Wo sehen Sie hier Chancen und Risiken?

Schulze: Die Debatte über die neue Förderperiode ab 2028 bietet die Chance, den ESF noch stärker an der Praxis und den Bedürfnissen von Betrieben, Beschäftigten und Projektträgern auszurichten. Dafür braucht es ausreichende Mittel, vereinfachte Förderverfahren und vor allem: mehr regionale Gestaltungsmöglichkeiten.

Nach den bisherigen Vorschlägen könnten dem ESF ab 2028 weniger Mittel zur Verfügung stehen, obwohl zusätzliche Aufgaben aus diesen Mitteln finanziert werden sollen. Für das Handwerk, die KMU und ihre Beschäftigten hat Qualifizierung, berufliche Bildung und soziale Teilhabe eine klare Priorität, für die wir eine verlässliche finanzielle Grundlage brauchen.

Auch die Perspektive der Projektträger darf nicht aus dem Blick geraten. Sinkende Förderanteile könnten für kleinere Träger zu einer erheblichen finanziellen Belastung werden, wenn dadurch höhere Eigenanteile erforderlich sind. Deshalb braucht es über die gesamte Förderperiode hinweg Planungssicherheit und verlässliche, praktikable Regeln für die Auszahlung der Mittel. So brauchen wir für einen zukünftigen ESF ein deutlich vereinfachtes Förderverfahren. Projektträger und insbesondere kleine Betriebe sollten viel  weniger Zeit für Anträge und Nachweise aufwenden müssen.

Die geplanten nationalen und regionalen Partnerschaftspläne können dazu beitragen, Förderangebote besser aufeinander abzustimmen und Doppelstrukturen zu vermeiden. Handwerksorganisationen, Sozialpartner und Projektträger sollten deshalb frühzeitig in die Gestaltung einbezogen werden. Wenn die Erfahrungen aus bestehenden Projekten mehr genutzt werden, um erfolgreiche Ansätze weiterzuentwickeln, dann kann der ESF insgesamt erfolgreicher werden.

Besonders wichtig ist uns aber die regionale Ausrichtung des ESF. Gerade das Handwerk ist in ländlichen Regionen aktiv. Handwerkliche Betriebe prägen in großer Vielfalt die Wirtschaft der ländlichen Räume. Gerade dort tragen die regional verankerten kleinen und mittleren Unternehmen des Handwerks in besonderer Weise zu sozialer und wirtschaftlicher Stabilität bei. Ländliche Räume sind aus Sicht des Handwerks also Zukunftsräume mit großen Entwicklungsmöglichkeiten. Dafür müssen aber dort zukunftsfähige Rahmenbedingungen für Wachstum und Innovation geschaffen werden – vor allem im Hinblick auf Fachkräftesicherung, Bildungsangebote und Infrastruktur. Der ESF sollte daher in allen Regionen zugänglich bleiben, auch in wirtschaftsstarken Gebieten, in denen Handwerksbetriebe und andere Unternehmen vor großen Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung stehen.

Werden Entscheidungen zu weit von den Regionen entfernt getroffen, besteht die Gefahr, dass passgenaue Projekte vor Ort schwerer umgesetzt werden können. Länder und Regionen sowie Wirtschafts- und Sozialpartner müssen deshalb auch hier ausreichend Einfluss auf die Planung und Ausgestaltung der Förderung haben.

Stichwort "passgenaue Projekte": Welches konkrete Projekt sehen Sie als Best-Practice-Beispiel?

Schulze: Auf Bundesebene ist INQA-Coaching ein gutes Beispiel. Dieses ESF-Plus-Programm unterstützt KMU dabei, Arbeitsabläufe zu verbessern und den digitalen Wandel gemeinsam mit ihren Beschäftigten zu gestalten. Wie das im Handwerk aussieht, zeigt der Metallbaubetrieb Fröbel: Das Team hat unter anderem eine digitale Wissenssammlung, eine bessere Einsatzplanung und ein Mentoring für Auszubildende entwickelt. Das Beispiel zeigt, wie konkret der ESF auch kleine Betriebe bei Veränderungen unterstützt, die sie aus eigener Kraft schwerer umsetzen könnten.

Ein weiteres Beispiel aus der regionalen Praxis ist I.Q.U.A.L. der Handwerkskammer Lübeck. Dieses ESF-Plus-geförderte Projekt begleitet Menschen mit teilweise anerkannten ausländischen Berufsabschlüssen und Menschen mit beruflichen Fähigkeiten ohne formalen Nachweis. Individuelle Beratung und passende Qualifizierung sollen ihnen den Weg in Arbeit erleichtern. Für das Handwerk ist das besonders wertvoll: Vorhandene Fähigkeiten werden sichtbar und können zur Fachkräftesicherung beitragen. I.Q.U.A.L. wird vor Ort umgesetzt, ist aber Teil des bundesweiten Programms "IQ - Integration durch Qualifizierung".

Was wünschen Sie sich für die Zukunft (des ESF)?

Schulze: Für einen starken ESF ist das A und O eine eigene, verlässlich abgesicherte Finanzierung. Dazu gehört auch Planungssicherheit: Mittel sollten über die Jahre verlässlich zur Verfügung stehen. Anträge und Nachweise müssen einfacher werden. Neue komplexe Regeln für die Auszahlung dürfen gute Projekte nicht unnötig gefährden.

Aus Sicht der handwerklichen Betriebe muss die Fachkräftesicherung ein Kernziel bleiben: Wir steuern auf eine riesige demografischen Lücke zu. Deshalb müssen wir mehr Menschen mit und ohne Migrationshintergrund für eine Ausbildung gewinnen, sie gut qualifizieren und ihnen Weiterbildung ermöglichen. Dazu gehört ausdrücklich auch die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung. Sie ergänzt die Ausbildung im Betrieb und ist gerade für kleine Unternehmen wichtig.

Fachkräftesicherung und soziale Ziele gehören dabei für uns zusammen. Der ESF muss auch Menschen unterstützen, denen der Zugang zu Ausbildung und Arbeit schwerfällt. Gute berufliche Perspektiven fördern Teilhabe und den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Das sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben, aber der ESF trägt dazu bei. Wenn Menschen mithilfe eines ESF-Projekts erleben, dass sie eine Chance bekommen und ihnen Europa konkret hilft, kann das auch das Vertrauen in demokratische Institutionen stärken.

Dazu muss der künftige ESF regional verankert bleiben. Die Länder und die Partner vor Ort brauchen echten Einfluss auf Ziele und Mittelverwendung. Das gilt auch für Handwerkskammern und andere Handwerksorganisationen, die die Bedürfnisse der Betriebe kennen. Unsere Mitarbeit im Begleitausschuss des ESF auf Bundesebene zeigt uns, wie wichtig eine solche Beteiligung für praxisnahe Entscheidungen ist. Sie darf in der nächsten Förderperiode nicht zur Formalie werden.

Aus Sicht des Handwerks ist ein künftiger ESF erfolgreich, wenn er auch für kleine Betriebe nutzbar ist und bei den Menschen ankommt. Dann bleibt er eine Investition in Fachkräfte, in soziale Teilhabe, in starke Regionen und in das Vertrauen eines gemeinsamen Europas.