Forschungsprojekt HyValue - Kollaboration im Wertschöpfungssystem Automotive gestalten

Datum
04.08.2022

Das Projekt "HyValue" (Kürzel für "Hybridisierung in der Value Chain") wurde als sogenanntes F&E-Lab (Forschungs- und Entwicklungslabor) konzipiert. Hier wurde simultan geforscht, entwickelt und hybride Geschäftsmodellentwicklung gegenstandsorientiert1, kollaborativ und agil betrieben. Das Projekt ist im Juni 2022 ausgelaufen. Ziel war es, beispielhaft zu zeigen, wie die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in der Automobilindustrie im Bereich der Fahrzeugentwicklung verbessert werden kann.

Bis ein Auto fertig vom Band läuft, ist es ein weiter Weg. An der Entwicklung und Produktion von Fahrzeugen sind vom Schraubenhersteller bis zum Entwickler von Fahrerassistenzsystemen eine Vielzahl von Unternehmen beteiligt, deren Erzeugnisse ineinandergreifen müssen. Die "Chip-Krise" infolge von Störungen der globalen Lieferketten (u.a. aufgrund von Corona-Ausbrüchen in China) hat diese Thematik aktuell ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Insbesondere in der Automobilindustrie hat sie in vielen Unternehmen zu Lieferverzögerungen und Produktionsstopps geführt mit negativen Folgen für das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk. Sie hat eine intensive Debatte darüber ausgelöst, wie künftig die Folgen solcher disruptiver Ereignisse minimiert und die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen in den Wertschöpfungsnetzwerken verbessert werden kann.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem ESF geförderte Verbundvorhaben "HyValue" hat sich über einen Zeitraum von drei Jahren intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Schwerpunkt des Forschungsprojekts war die Entwicklung eines Konzepts für "kollaborative Dienstleistungsarbeit" und darauf aufbauend die Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells "hybrider Kollaborationsexperte" für Systemzulieferer in der Automobilbranche, das Entwicklungs- und Produktionsprozesse zwischen den verschiedenen Akteuren koordiniert und zusammenführt. Dafür wurde zunächst ein Prototyp einer cloudbasierten Kollaborationsplattform entwickelt, der einen zielgerichteten und effizienteren Informationsaustausch zwischen den Unternehmen in Entwicklungsprojekten ermöglicht.

Soziotechnische Innovationen vorantreiben: Der Forschungs- und Gestaltungsansatz

In einem gemeinschaftlichen Forschungs-, Gestaltungs- und Erprobungsansatz mit allen Verbundpartnern hat die collaboration Factory AG, ein Anbieter von Softwarelösungen für Projekt- und Prozessmanagement, den Software-Prototyp für das unternehmensübergreifende Termin- und Statusmanagement im Produktentstehungsprozess programmiert. Die beteiligten Unternehmen Porsche AG (OEM2), DRÄXLMAIER Group (Systemzulieferer) und Honasco GmbH (als sogenanntes Tier-2-Unternehmen3 in der Lieferkette) speisten dazu unmittelbar ihre Anforderungen in den Entwicklungsprozess ein. Diese Verbundstruktur machte es möglich, einen typischen Ausschnitt des Wertschöpfungsnetzwerks Automotive4 abzubilden und die Nutzerzentrierung konsequent im Forschungs- und Gestaltungsansatz zu verankern. Das Institut für Sozialwissenschaft München organisierte und begleitete diese Zusammenarbeit mit Workshops sowie qualitativen Interviews mit Beschäftigten in den beteiligten Unternehmen. Die Hochschule (HS) Landshut erarbeitete ein adaptives Referenzmodell, umagile, hybride und klassische Vorgehensmodelle an die jeweils unterschiedlichen Instrumente der Automobilunternehmen im Produktentstehungsprozess anschlussfähig zu machen. Insgesamt entstand im Verbund komplementär zur Kollaborationsplattform ein Konzept für kollaborative Dienstleistungsarbeit mit dem Ziel, die Potenziale der Kollaborationsplattform durch arbeitsorganisatorische Innovationen und Maßnahmen zur Kompetenzentwicklung der Beschäftigten noch stärker auszuschöpfen.

Schaubild
HyValue-Forschungsansatz © HyValue

Der Prototyp der "HyValue"-Kollaborationsplattform

Die Plattform ermöglicht es, Daten in Echtzeit auszutauschen und Termine unternehmensübergreifend zu verknüpfen. Kommt es bei einem Zulieferer zu Verzögerungen, kann dieser die Änderung im Zeitplan sofort allen Beteiligten mitteilen. So werden schnellere Kommunikation und ein effizienterer Austausch von Arbeitsergebnissen möglich und den gefürchteten Aufschaukelungseffekten in der Lieferkette ("Bullwhip-Effekte"5) kann vorgebaut werden.

Schaubild
Prototyp der HyValue Kollaborationsplattform © HyValue

Unternehmensübergreifend zusammenarbeiten: Das Konzept kollaborativer Dienstleistungsarbeit

Die Einführung einer Kollaborationsplattform allein erzeugt noch keine Verbesserung der Zusammenarbeit. Die zahlreichen qualitativen Interviews im Projekt haben gezeigt, dass die neue Informationstransparenz von Führungskräften und Beschäftigten auch als Bedrohung erlebt werden kann. Entscheidend ist es daher, die Einführung der Plattform mit arbeitsorganisatorischen Maßnahmen zu flankieren und die kollaborativen Kompetenzen der Führungskräfte und Beschäftigten zu fördern. Im Projekt wurde dafür ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Die Grundlage für kollaborative Dienstleistungsarbeit besteht darin, eine gemeinsame Perspektive auf den Wertschöpfungsprozess zu erarbeiten und einen unternehmensübergreifenden Handlungs- und Arbeitsraum aufzubauen. In solchen Arbeitszusammenhängen rückt statt Hierarchie und Kontrolle als Modus der Zusammenarbeit Vertrauen in den Mittelpunkt. Das Arbeitshandeln der Beschäftigten ist dadurch geprägt, dass sie Informationen und Verantwortlichkeiten teilen, um ein gemeinsam definiertes Ziel zu erreichen. Leitmotiv bei kollaborativem Arbeiten ist die Vorstellung, "gemeinsam mehr zu erzeugen".

Die Kollaborationsplattform als Geschäftsmodell: Zum Design des "hybriden Kollaborationsexperten"

In enger Verzahnung mit der Entwicklung des Softwareprototyps wurde in "HyValue" ein neues Geschäftsmodell "hybrider Kollaborationsexperte" entwickelt. Der "hybride Kollaborationsexperte" betreibt die Kollaborationsplattform und ermöglicht es den verschiedenen Unternehmen der Automobilindustrie, von der Terminplanung über das Reifegradmanagement bis hin zum Änderungsmanagement unterschiedliche Funktionen des Projektmanagements unternehmensübergreifend zu organisieren. Es gewährleistet so einen besseren Gesamtüberblick über das Projektgeschehen und einen echtzeitbasierten Austausch von Informationen. Darüber hinaus kann die Kollaborationsplattform dazu beitragen, die organisationale Resilienz zu steigern und die Zusammenarbeit im Wertschöpfungssystem der Automobilindustrie insgesamt zu verbessern. Im Rahmen von "HyValue" wurde konzeptionell gezeigt, wie ein Systemzulieferer ein solches Geschäftsmodell betreiben und monetarisieren kann.

Weitere Informationen zu Veranstaltungen, Vorträgen und Ergebnissen finden sich auf der Projektwebsite.

Das Programm "Zukunft der Arbeit"

Das Forschungs-und Entwicklungsprojekt "HyValue" wird im Rahmen des Programms "Zukunft der Arbeit" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Das Programm greift die Herausforderungen auf, die für Unternehmen (insbesondere KMU) und Menschen durch Strukturwandel, Technisierung und zunehmende Globalisierung in der Arbeitswelt entstehen, und lädt Unternehmen und Forschungseinrichtungen ein, mit innovativen Forschungsprojekten aktiv die Zukunft unserer Arbeitswelt mitzugestalten. Ziel des Programms ist es, technologische und soziale Innovationen gleichermaßen voranzubringen. Dazu sollen neue Modelle der Qualifizierung, der Gesundheitsprävention, der Arbeitsgestaltung und -organisation in und mit Unternehmen entwickelt und als Pilotprojekte in die betriebliche Praxis überführt werden. Dabei liegt der Fokus besonders auf branchenübergreifenden und interdisziplinären Projekten.

Weiterführende Informationen zum Programm "Zukunft der Arbeit" finden Sie auf dem ESF-Webportal sowie auf der Programmwebsite des BMBF.

Glossar:

1 Gegenstandsorientierung: Die Gegenstandorientierung beschreibt die Anpassungsfähigkeit einer Methode gegenüber den diversen Forschungsgegenständen. zurück

2 OEM: Abkürzung für Original Equipment Manufacturer; in der Automobilindustrie synonym mit einem Fahrzeughersteller zurück

3 Tier-1 bis Tier-3-Unternehmen: Insbesondere die Automobilindustrie ist von einer Pyramiden-Struktur geprägt, an deren Spitze das fokale Unternehmen steht, der Automobilproduzent (OEM). Dieser beschafft Produkte von wenigen Systemlieferanten, welche wiederum selbst von Modullieferanten Produkte beschaffen. Die Lieferanten werden abhängig vom Abstand zum OEM innerhalb der Pyramide als Tier-1, Tier-2 etc. bezeichnet (von englisch tier für deutsch "Ebene" oder "Rang"). Dadurch wird die Sublieferantenstruktur gekennzeichnet. zurück

4 Automotive: Automotive ist die generelle Bezeichnung für alle Aktivitäten im Bereich der Automobilindustrie, was die Herstellung von Fahrzeugen sowie Zulieferteilen, -produkten oder -dienstleistungen umfasst. zurück

5 Bullwhip-Effekt: Der Bullwhip-Effekt, auch Peitscheneffekt genannt, beschreibt Nachfrageschwankungen entlang mehrstufiger Lieferketten in der Logistik. Häufig ausgelöst durch Abstimmungs- und Kommunikationsprobleme zwischen den einzelnen Stufen, wird dieser Effekt umso stärker, je verzweigter die Sublieferantenstruktur ist. zurück

Auszug aus dem ESF-Newsletter